Teilprojekte | Projektbereich B | Räume digitaler Mediatisierungen

B05
Translokale Netzwerke II: Raumkonflikte und Klimagerechtigkeit in sozialen Medien

In der ersten Förderperiode untersuchte unser Projekt die räumlichen Anordnungen von Öffentlichkeiten und konzentrierte sich dabei auf die Twitter-Kommunikation in den Städten Berlin und Jerusalem. Die Ergebnisse zeigten, dass reale Orte in der digitalen Kommunikation weiterhin von entscheidender Bedeutung sind und regelmäßig in neuartige, translokale Anordnungen öffentlicher Kommunikation eingebunden werden. So konnten wir Translokalität als ein zentrales Merkmal von Refiguration empirisch näher bestimmen, das besonders in Situationen räumlicher Anfechtungen deutlich wird, in denen konflikthafte Bedeutungen von Orten verhandelt werden.

Aufbauend auf diesen Schwerpunkten werden wir in der zweiten Förderperiode Diskurse zu Konflikten um Raum und natürliche Ressourcen untersuchen, um zu zeigen, wie diese in der Social Media Kommunikation verhandelt werden.
Dabei ist unser Ziel, die Kommunikation in umkämpften Räumen zu erfassen, indem wir vier Fallstudien durchführen, die jeweils einen lokal verwurzelten räumlichen Konflikt darstellen, der gleichzeitig mit dem globalen Thema der Klimagerechtigkeit verbunden ist. Die Fälle unterscheiden sich in Bezug auf Akteurskonstellationen und Machtverhältnisse und sind in vier verschiedenen Ländern angesiedelt, in denen dem Klimawandel jeweils unterschiedliche politische und soziale Relevanz zugeschrieben wird. Untersucht werden Social-Media-Diskurse über Proteste gegen die Dakota Access Pipeline (#NoDAPL) in den USA, die soziale Bewegung gegen die Abholzung des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes, Proteste gegen die Waldzerstörung für den Kohleabbau in Deutschland und Proteste gegen den Bau des größten privaten Erdgaskraftwerks in Israel, das sich in unmittelbarer Nähe zu israelischen und palästinensischen Städten befindet.

Auf der Ebene der (1) Interaktionsnetzwerke fragen wir, wie verschiedene Communities in Klimagerechtigkeitsdiskurse involviert sind und wie diese in Raum und Lokalität verwurzelt sind. Im Hinblick auf (2) Themenräume fragen wir, wie Akteur*innen lokale Konflikte mit ähnlichen Themen an anderen Orten verbinden: Welche Orte werden im Diskurs benannt und relevant gemacht, und wie werden sie mit translokalen Meta-Narrativen von Klimagerechtigkeit und Umweltschutz verbunden? Schließlich untersuchen wir auch die (3) räumlichen Imaginationen, die Nutzer*innen sozialer Medien in ihrer textlichen und visuellen Kommunikation teilen, und prüfen, wie diese mit konflikthaften räumlichen Figuren verbunden und durch politisches Handeln mobilisiert werden.

Für jeden Fall planen wir, Daten von der Social-Media-Plattform zu sammeln, auf der der jeweilige öffentliche Diskurs am stärksten ausgeprägt ist (Twitter, Facebook oder Instagram). Das Projekt kombiniert Netzwerkanalysen, automatisierte Inhaltsanalysen, Bildanalysen, Mappings und qualitative, interpretative Methoden.

Publikationen

Phase 1 (2018-2021)

Translokale Netzwerke: Öffentlichkeit im Social Web

Unter der Leitung von Prof. Dr. Annie Waldherr (Universität Wien) und Prof. Dr. Barbara Pfetsch (Freie Universität Berlin) befasst sich das Teilprojekt mit digitalen (Stadt-)Öffentlichkeiten. Im Fokus stehen die Twittersphären der Städte Berlin und Jerusalem. Das Projekt wird gemeinsam mit Dr. Neta Kligler-Vilenchik und Dr. Maya de Vries Kedem (Hebrew University of Jerusalem) als Kooperationspartnerin durchgeführt.

Das Teilprojekt „Translokale Netzwerke“, unter Bearbeitung von Daniela Stoltenberg und Alexa Keinert (FU Berlin), fragt, wie sich urbane Räume durch vernetzte Kommunikation konstituieren. Hierzu werden die kommunikativen Beziehungen zwischen Twitter-Nutzer*innen, ihre räumlichen Anordnungen und ihre Gesprächsthemen analysiert. Für die entstehenden Stadtöffentlichkeiten in Berlin und Jerusalem fragt das Projektteam auf gesellschaftlicher und auf subjektiver Ebene: Mit wem, an welchen Orten und zu welchen Themen kommunizieren Twitter-Nutzer*innen und wie konstituiert eine solche Nutzung virtuelle urbane Räume? Wie synthetisieren Nutzer*innen globale und lokale, virtuelle und reale sowie öffentliche und private Ortsbezüge zu ihrer individuellen Raumfiguration und welches subjektive Raumerleben verbinden sie damit?

Um sich diesen Fragen zu nähern, wurden Twitter-Netzwerke erhoben und anschließend mittels Netzwerkanalyse, Geocodierung und automatisierten Inhaltsanalyseverfahren untersucht. Damit diese Befunde auf der gesellschaftlichen Ebene auch mit dem individuellen Erleben in Verbindung gebracht werden können, wurde für eine Gruppe besonders aktiver Nutzer*innen zudem eine Erhebung von Ego-Netzwerken sowie eine mobile Tagebuchstudie durchgeführt.

Befunde des Projekts zeigen, dass Orte und räumliche Nähe auch in digitalen Netzwerken mit globalem Potential relevant bleiben. Zugleich werden Orte jedoch in neue, translokale Arrangements öffentlicher Kommunikation integriert. Auch materielle Konflikte und räumliche Marginalisierungen werden oftmals in der Struktur digitaler Kommunikation sichtbar und reproduziert.