Geplante Teilprojekte für die beantragte zweite Förderphase (2022-2025)

In der ersten Förderphase hat sich die Arbeit des SFB auf die Ausarbeitung sozialtheoretischer Grundbegriffe der Räumlichkeit von Gesellschaft und die empirische Bestimmung qualitativer Merkmale der Refiguration konzentriert. Die empirische Analyse hat zu einer Spezifizierung der sensitizing concepts der Translokalisierung, Mediatisierung und Polykontexturalisierung geführt. Der SFB hat vier gesellschaftlich dominante Raumfiguren identifiziert: Territorialraum, Netzwerkraum, Bahnenraum und Ort.

In der zweiten Förderphase setzt der SFB drei Forschungsschwerpunkte: Er legt (1.) einen Forschungsschwerpunkt auf die Rolle von Konflikten in Prozessen der Raumkonstruktion, insbesondere auch in und zwischen Raumfiguren. Diese konflikttheoretische Fokussierung ist (2.) verbunden mit der vertiefenden Klärung der Polykontexturalisierung und ihrer subjektiven Bewältigung. Diese empirische Aufgabe schließt ein, dass neu sich ausbildende Raumanordnungen bestimmt und differenziert werden.

© graphicrecording.cool, 2021

Schon in der ersten Förderphase wurden neben Ähnlichkeiten im Hinblick auf die qualitativen Merkmale der Refiguration auch Unterschiede deutlich, die aus Spannungen verschiedener Raumfiguren resultieren. Um die Ähnlichkeiten und Unterschiede, aber auch die vielfachen Verflechtungen der weltweit in sehr verschiedenen Gesellschaften untersuchten Räume in den Blick zu nehmen, wird der SFB die vergleichende Perspektive (3.) der multiple spatialities weiterverfolgen. Dies erlaubt uns methodologisch sowohl nach den gesellschaftlichen Konvergenzen als auch nach den Divergenzen der Refiguration auf verschiedenen Skalen zu fragen, ohne dass Räume vorab als abgegrenzte und voneinander unab-hängige Einheiten gesetzt werden müssen. Der SFB trägt der durchaus auch konflikthaften Vielfalt des räumlichen Wissens, räumlichen Handelns und räumlicher Regime Rechnung, um diese besser verstehen zu können.

Neben den qualitativen Methoden, die zur Beschreibung der Refiguration angewandt werden, wird der SFB in der zweiten Förderphase eine Erweiterung in Richtung quantitative Daten und Mixed-Methods vornehmen. Es werden Raumordnungen in Fallstudien untersucht. Mit der innovativen Verbindung etwa von Panel- mit Raumdaten oder durch neue Mappingverfahren soll die bereits in der ersten Phase begonnene Entwicklung eigenständiger Methoden einer sozialwissenschaftlichen Raumforschung fortgesetzt werden. Weitergeführt wird die inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit von Wissenschaftler*innen aus Soziologie, Geographie, Kommunikationswissenschaft, Planung, Architektur und Kunst. Die Stadtanthropologie wird den Fächerkreis nun ergänzen.

  • A01: Geographische Imaginationen II: Ontologische (Un)Sicherheiten in ländlichen Räumen (Ilse Helbrecht)

    Das Teilprojekt „Geographische Imaginationen II“ untersucht international vergleichend die Refiguration ländlicher Räume in Bezug auf ihre Auswirkungen auf subjektivierte, sicherheitskonnotierte geographische Imaginationen. Wir analysieren empirisch, wie sich räumliche Vorstellungsweisen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen (vor allem in Bezug auf Alter, Gender und sozialen Status) aufgrund von Prozessen der Globalisierung, Entgrenzung, Entankerung, Rückbettung und Mediatisierung zu Teilen gravierend verändern – und zu existenziellen, subjektivierten Verunsicherungen führen. In der ersten Förderphase haben wir, aufbauend auf empirischen Studien zum subjektiven Raumwissen in den drei hoch urbanisier-ten Untersuchungsorten Vancouver, Berlin und Singapur, eine geographische Vertiefung und Erweiterung des Konzepts der ontologischen Sicherheit geleistet. Wir konnten empirisch zeigen, dass gerade das Erleben von Sicherheit und Unsicherheit entscheidend von den jeweiligen städtischen, geopolitischen, sozialen und kulturellen Kontexten der Subjekte geprägt ist. In der zweiten Förderphase untersuchen wir darauf aufbauend und vergleichend Refigurationsprozesse in ländlichen Räumen: Welche Funktionen haben imaginierte Formen subjektiv erlebten Raumwissens für das individuell empfundene Vertrauen in die eigene Positionierung in ländlichen Räumen? Welche Raumfiguren und Raumanordnungen werden als konflikthaft wahrgenommen? Und welche geographischen Imaginationen spielen eine besondere Rolle bezüglich der eigenen Identitätskonstruktion(en) sowie der sozialen und materiellen Umwelt bei der Herstellung von ontologischer Sicherheit? Der Blick auf ländliche Räume in der zweiten Förderphase ist in Abgrenzung zu den zuvor untersuchten global vernetzten Agglomerationsräumen fruchtbar, weil sich hier Fragen von Macht, Herrschaft, Konflikt und globaler Eingebundenheit in Bezug auf ontologische Ver(un)-sicherungen anders stellen und somit auch andere Konflikte im Refigurationsprozess zwischen den Raumfiguren Territorial-, Netzwerk-, Bahnenraum und Ort zu vermuten sind. Konkret setzt das Teilprojekt die Fokussierung der ersten Förderphase auf Fallstudien in Kanada und Deutschland fort, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Die in beiden Ländern ausgewählten Untersuchungsorte stecken ein zentrales Spannungsfeld ab, in dem sich ländliche Räume in Bezug auf ontologische (Un-) Sicherheiten konstituieren: die Unterscheidung von prosperierenden und peripherisierten ländlichen Räumen. Erstens wird am Beispiel von Powell River (British Columbia, Kanada) und Bad Urach (Baden-Württemberg, Deutschland) analysiert, welche geographischen Imaginationen im Alltag prosperierender ländlicher Räume verankert sind, die oftmals als ästhetisierte Sehnsuchts- und Rückzugsorte verhandelt werden für Menschen, die sich dem globalisierten Alltag in Großstädten versuchen zu entziehen. Zweitens untersuchen wir anhand von Burns Lake (British Columbia, Kanada) und dem Seeland (Sachsen-Anhalt, Deutschland) die subjektiven, sicherheitskonnotierten geographischen Imaginationen in ländlichen Räumen, die als peripherisiert gelten und deren Wahrnehmung von Perspektivlosigkeit, Bildern des Scheiterns und der Flucht (in die Stadt) dominiert werden. Empirisch ruht das Teilprojekt auf einem multi-methodischen Ansatz und kombiniert unterschiedliche Zugänge, wie Dokumenten- und Medienanalyse, Foto-Elizitation, reflexive Fotografie und kollektives Kartieren.

  • A02: Raumwissen Jugendlicher: Die Konstitution von online, offline und hybriden Räumen (Angela Million/Anna Juliane Heinrich)

    In der ersten Förderphase des SFB konnte das Teilprojekt A02 Entwicklungstrends der Refiguration von Räumen der Kindheit und Jugend identifizieren. Es wurde deutlich, dass die weit verbreiteten Aktionsraum-modelle die Lebenswelt von jungen Menschen vor dem Hintergrund der Refiguration nicht mehr hinreichend beschreiben. Zunehmend prägen die Gleichzeitigkeit und Überlagerung verschiedener Raumlogiken das Raumwissen junger Menschen. Unsere Erkenntnisse verdichten wir in der nun folgenden Förderphase im Längsschnitt. Ziel der zweiten Phase ist es, die zunehmende Heterogenität jugendlicher Lebens-welten zu erfassen, indem wir Typen bilden, welche das Spektrum jugendlicher Raumkonstitutionen abbilden und dadurch unterschiedliche Muster der Verwobenheit verschiedener Raumfiguren erkennen lassen. Die Auswirkungen der digitalen Mediatisierung auf das Raumwissen werden herausgearbeitet. Das Raumwissen Jugendlicher erfassen wir hierbei anhand der räumlichen Praktiken, des kommunikativen Handelns und der Raumwahrnehmungen. Forschungsfragen in dem Teilprojekt sind: (i) Welche charak-teristischen Raumpraktiken, kommunikativen Handlungen und Raumwahrnehmungen prägen das Raumwissen Jugendlicher und welche Typen unterschiedlicher Raumkonstitutionen lassen sich vor diesem Hintergrund verdichten? (ii) Wie verbinden Jugendliche verschiedene Raumfiguren (u. a. Territorial-, Netzwerk-, Bahnenraum, Ort) in ihrem Alltagshandeln? (iii) Welche Einflussfaktoren sind besonders prägend für das Raumwissen Jugendlicher und inwieweit begründet dies unterschiedliche Typen von Raumkonstitutionen? Vor allem: Wie prägt die digitale Mediatisierung (vor allem Smartphone-Nutzung) das Raumwissen Jugendlicher? Und inwieweit, wie und mit welchem Ergebnis werden Räume online, offline und hybrid konstituiert bzw. Raumanordnungen zunehmend hybridisiert?
    Mit einem innovativen, eigens für das Projekt entwickelten multi-methodischen Zugang zielen wir auf eine umfassende Perspektive ab, welche die Konstitution von „online Räumen“ und „offline Räumen“ nicht als separate Prozesse rekonstruiert, sondern als sich wechselseitig bedingende Prozesse, welche auch „hybride Räume“ hervorbringen. Das methodische Design erlaubt auch vertiefende Erkenntnisse zur Rolle von Materialitäten (u. a. Gestalt konkreter Orte, Bedeutung einzelner Artefakte) im Raumwissen Jugendlicher. Der erneute Vergleich von Deutschland (Berlin) und Peru (Lima) ermöglicht herauszuarbeiten, inwieweit sich – in Anbetracht sich weltweit in Teilen angleichender (urbaner) Räume der Kindheit und Jugend sowie der Auswirkungen von digitaler Mediatisierung auf das Raumwissen junger Menschen – globale Typen von Raumkonstitutionen bilden lassen.

  • A03: Waren und Wissen II: Kommunikatives Handeln von Konsumenten und Intermediären (Nina Baur/Elmar Kulke)

    Das Teilprojekt „Waren und Wissen“ untersuchte in der ersten Förderphase am Beispiel des Kaufens und Verkaufens von frischem Obst und Gemüse das kommunikative Handeln von Konsument*innen unterschiedlicher sozialer Milieus in vier Berliner Wohnquartieren und Händler*innen (sogenannten „Intermediären“) als Akteure der Warenkette. Das Teilprojekt leistete grundlegende empirische und theoretische Arbeit (1) in Bezug auf die Bestimmung der Raumkonflikte zwischen Territorialraum, Bahnenraum und Ortsräumen, die durch die Verwebung von Konsumkontext, Kontext der Marktentnahme und Produktionskontext entstehen. (2) Wissen von Konsument*innen und anderen Akteure der Warenkette schließt Raumwissen mit ein und spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufrechterhaltung der Zirkulation entlang der Warenkette. (3) Raumwissen ist notwendig polykontextural, weil (a) Produktions-, Verkaufs- und Konsumkontext jeweils unterschiedliche Raumbezüge aufweisen, aber entlang der Warenkette miteinander verknüpft werden, (b) der Raumkonflikt zwischen Territorial- und Bahnenraum an Orten der Marktentnahme inhärent in Märkten angelegt ist und (c) Marktakteure die Polykontexturalität der Warenzirkulation mit zunehmender Mediatisierung stärker reflektieren. (4) Raumwissen schließt Nicht-wissen mit ein, welches eine zentrale Strategie zur alltagsweltlichen Auflösung von Raumkonflikten ist. (5) Angesichts des Ausmaßes an Nichtwissen kann die Zirkulation entlang der Warenkette nur aufrechterhalten werden, weil Objektivationen (Ware, Laden, Quartiere, Verkehrswege) symbolisch aufgeladen werden, als Wissensträger fungieren und die Warenzirkulation stabilisieren. Durch die Analyse des Wechselspiels von Raumwissen und Raumanordnung hat das Projekt einen wesentlichen Beitrag zur Spezifizierung des Konzepts der Polykontexturalisierung und seiner wechselseitigen Dynamik mit der Translokalisierung und Mediatisierung erbracht.
    Das Projekt hat von Anfang eine Generalisierungsstrategie für eine bestimmte Raumanordnung (Berlin als Beispiel für den Globalen Norden) verfolgt. Aufbauend auf den Ergebnissen und anderen Vorarbeiten der Antragsteller*innen soll in der zweiten Förderphase ein Vergleich mit zwei divergierenden Raumanordnungen – Nairobi (Kenia) und Singapur – erfolgen, die sowohl zu Deutschland als auch untereinander maximale Kontrastfälle bilden. Das Projekt folgt damit dem Ansatz des Projektbereichs A, handlungsrelevantes Wissen in kontrastierenden Räumen zu betrachten. Stärker noch als in der ersten Förderphase nimmt das Projekt systematisch in den Blick, warum und wie Wissen sozial ungleich auf die Akteure der Warenkette sowie auf materielle Infrastrukturen verteilt ist und als Machtressource dienen kann. In Vorbereitung der in der zweiten Förderphase anvisierten stärkeren Integration der quantitativen Methoden wurde ein innovatives raumsensibles komplexes Mixed-Methods-Design entwickelt, das in der zweiten Förderphase verfeinert werden soll. Dieses Forschungsdesign kombiniert geographische und soziologische quantitative Ansätze (Gebäudenutzungskartierung, Angebotskartierung, Sortimentserhebung) und qualitative Ansätze (ethnografische Ortsbegehung, Foto-Dokumentation, Mapping, Expert*innen-interviews, narrative Interviews mit walk-alongs).

  • A05: Zuhause: Wohnräume und Selbstbilder der kenianischen Mittelschicht (Jochen Kibel)

    Das Teilprojekt untersuchte in der ersten Förderphase die biographische Raumkonstitution von Mittelschichtsangehörigen in Kenia und Deutschland. Anhand biographisch-narrativer Interviews konnte gezeigt werden, dass investive Statusarbeit ein gemeinsames Merkmal mittelschichtsorientierter Lebensstile in Kenia und Deutschland darstellt. In beiden Fällen geht planvolle Lebensführung mit linear-konzentrischen Biographisierungsmustern einher. Zentrale Bedeutung erhält die Konstitution eines Zuhauses. Daraus ergibt sich für die zweite Förderphase eine Fokussierung auf die Wohnformen der kenianischen Mittelschicht. Wohnen wird als Prozess verstanden, der sowohl materiell-bauliche Aspekte als auch Relationen zwischen Alltagsräumen umfasst. Dies erscheint vielversprechend, da Wohnen (1.) ein zentrales Feld investiver Statusarbeit darstellt; (2.) sich Lebensführungsmuster im Kontext des Wohnens deutlich verändern und explizit räumlichen Charakter haben; (3.) Wohnen eine räumliche Infrastruktur subjektiver Lebens-welten bildet, in der Relationen auf spezifische Art geknüpft werden; (4.) die Analyse von Wohnformen Aufschluss über die Selbstbilder der Bewohner*innen verspricht, wodurch analysiert werden kann, wie die Refiguration auf Ebene des subjektiven Raumwissens verarbeitet wird.
    Für das kenianische Sample zeigte sich außerdem, dass Auslandserfahrungen und globale Mobilität für die Selbstverständnisse der kenianischen Mittelschicht konstitutiv sind. In der zweiten Förderphase werden deshalb Subjektivierungsformen kenianischer Mittelschichtsangehöriger anhand ihrer eigenen räumlichen Relationierungen analysiert. Dazu werden jeweils 20 kenianische Mittelschichtshaushalte in Nairobi und Berlin erforscht. Wie und welche polykontexturalen Bezüge im Wohnen hergestellt werden (etwa zwischen Land, Stadt, Diaspora), bildet das Differenzkriterium, mit dem die verschiedenen räumlichen Lebensstile rekonstruiert werden. Das Teilprojekt beantwortet damit folgende Forschungsfragen: (1.) Wie kann der soziale Wandel der Lebensverhältnisse durch den Aufstieg in die Mittelschicht räumlich beschrieben werden? (2.) Welche räumlichen Subjektivierungsformen lassen sich im Kontext des Wohnens rekonstruieren? (3.) Wie werden diskursive Subjektzuschreibungen auf Ebene subjektiven Raumwissens internalisiert? (4.) Welche Konflikte zwischen Raumfiguren ergeben sich im Wohnen? Die biographische Perspektive der ersten Förderphase wird durch eine interpretative Subjektivierungsanalyse ergänzt. Die innere Vielfalt der kenianischen Mittelschicht wird entlang ihrer räumlichen Orientierungen weiter aufgeschlüsselt, wodurch das Konzept der multiple spatialities empirisch geschärft wird. Mit einer wissenssoziologischen Diskursanalyse werden Subjektzuschreibungen im Diskurs um die global middle class rekonstruiert. Zudem werden die Bewohner*innen gebeten, Wohnbilder anzufertigen, indem sie ihre relevanten Wohn- und Alltagsräume fotografieren. Diese visuellen Daten dienen als Impulse für vertiefende Interviews. Ethnografische Beobachtungen im Wohnumfeld und go-alongs entlang der alltagsräumlichen Relationen ergänzen das Datenkorpus.

  • A06: Bahnen, Netzwerke und Orte ungleicher Infrastrukturen: Raumfiguren, Einstellungen und soziale Ungleichheit (Jan Goebel/Maria Norkus)

    Das Teilprojekt untersucht die Frage, inwieweit die alltagsweltlich erfahrene, räumliche Umgebung von zentralen Infrastrukturausstattungen die Einstellung zu Gerechtigkeit, Umverteilung und die Bewertung der vorliegenden Ungleichheit beeinflusst, die sich zunehmend zu polarisieren und damit die Refiguration zu fördern scheint. Hierbei fasst das Teilprojekt die alltagsweltliche Umgebung nicht als einen festen Containerraum, wie dies meist in quantitativ-räumlichen Studien zu sozialer Ungleichheit geschieht, sondern als eine Verflechtung von individualspezifischen Netzwerk- und Bahnenräumen über verschiedene Orte hinweg. Ausgehend vom Wohn- und Arbeitsort der Befragten werden Beziehung, Vernetzung und Überlagerung zwischen ihnen in den Blick genommen.
    Da die Forschung mithilfe quantitativer Surveydaten zu sozialer Ungleichheit in Bezug auf Raum bisher meist einseitig territorial rund um den Wohnort von Befragten angelegt ist, bleiben andere Raumdimensionen weitgehend unbeachtet. Durch die theoretische und empirische Fassung weiterer Raumfiguren möchte das Teilprojekt diese Forschungslücke schließen. Dazu nutzt das Projekt die Geolokalisierung der quantitativen Surveydaten des Sozio-ökonomischen Panels. Indem die unterschiedlichen Datenquellen auf Ebene der exakten Raum-Koordinaten mit den Survey-Daten verbunden werden, können neben Daten zu administrativen Regionen auch geocodierte Daten zur Charakterisierung der spezifischen Orte der Infrastrukturen genutzt und deren tatsächliche Einbindung in die räumlichen Netzwerk- und Bahnen-muster der Befragten modelliert werden.
    Aus den für die Befragten rekonstruierten Bahnen- und Netzwerkräumen um Wohn- und Arbeitsort werden (1) Typologien gebildet, die (2) mit soziodemografischen Daten zur sozialen Ungleichheit in Beziehung gesetzt werden. In einem weiteren Schritt (3) wird der Zusammenhang mit Einstellungsdaten zu Gerechtigkeit und Umverteilung hergestellt. Durch diese Verknüpfung kann der Einfluss von Raumfiguren auf Einstellungen bezüglich Umverteilung und auf Gerechtigkeitsvorstellungen und die damit verbundenen Konflikte untersucht werden. Wir gehen davon aus, dass für die Einstellungen hinsichtlich Verteilung und Gerechtigkeit die konkreten räumlichen Ungleichheitserfahrungen relevant sind.
    Das Teilprojekt bietet damit innovative Beiträge zum Zusammenhang von Raum und sozialer Ungleichheit. Es untersucht die Rolle von Raumfiguren und die mit der sozial-räumlichen Polarisierung verbundene Refiguration mit Bezug auf normatives Raumwissen.

  • B01: Peripherisierte ländliche Räume: Digitalisierung und Raumkonstruktionen (Gabriela Christmann/Ariane Sept)

    Das Teilprojekt untersuchte in der ersten Förderphase die Refiguration von Räumen am Beispiel von Digitalisierungsprozessen, digitalisiertem Handeln und veränderten Raumkonstruktionen in der städte-baulichen Planung seit den 1970er Jahren. Im Zentrum stand der zunehmende Einsatz von digitalen Planungstools wie z. B. GIS oder CAD. Über die untersuchten Fälle in New York City (USA), Lagos (Nigeria) und Frankfurt/Main (Deutschland) hinweg zeigte sich, dass Digitalisierungsprozesse zwar Ungleichzeitigkeiten aufweisen, dass aber sehr ähnliche Veränderungen im Planungshandeln und in der Art, wie Stadt-räume konstruiert werden, beobachtbar sind. Es ließ sich ein ausgeprägtes translokales Handeln beobachten: Mitglieder von Planungsteams arbeiten mithilfe digitaler Systeme zunehmend räumlich verteilt, von weit auseinanderliegenden Arbeitsplätzen aus, an ein und demselben Planungsprojekt für einen Stadt-raum zusammen, der seinerseits auch an einem anderen Ort liegen kann. Nur ein kleiner Teil des Planungs-teams muss unmittelbare Erfahrungen mit diesem Stadtraum haben. Stattdessen müssen Planende sehr heterogene, digitale raumbezogene Daten und damit eine hohe räumliche Polykontexturalität verarbeiten. Da Stadträume „datafiziert“ wurden und in Computerwelten eingegangen sind, werden planerische Raumkonstruktionen von dort aus weiter strukturiert und maschinell ko-konstruiert. Ein weiteres Ergebnis ist, dass diese Veränderungen eher spannungsfrei verlaufen und bei aller Translokalität und Polyko-texturalität des Handelns die Handlungsbezüge stets fest in großstädtischen Kontexten verankert bleiben. Ländliche Räume kommen nicht in den Blick.
    In der zweiten Förderphase des SFB soll der Fokus daher von städtischen auf – peripherisierte – ländliche Räume verschoben werden, in denen wir spannungsreichere Veränderungen aufgrund von digitalisiertem Handeln vermuten. Es wird zwar weiterhin das Handeln von (regionalen) Planungsakteur*innen untersucht, zusätzlich wird jedoch das von (regional-)politischen Akteur*innen und Landbewohner*innen betrachtet. Wie in der ersten Förderphase werden Digitalisierungsprozesse, digitalisiertes Handeln und veränderte Raumkonstruktionen im Zentrum der Analyse stehen. Am Beispiel von China (Asien) und Chile (Südamerika) wird gefragt: Welche Digitalisierungsstrategien wurden verfolgt, und welche Digitalisie-rungsprozesse haben sich vollzogen? Welche Veränderungen lassen sich vor dem Hintergrund der verfügbaren digitalen Technologien und Anwendungen im Handeln der Akteur*innen beobachten? Und inwiefern verändern sich dadurch Raumkonstruktionen von ländlichen Räumen im jeweiligen kulturellen Kontext? Dabei untersuchen wir, welche Raumfiguren sich beobachten lassen und inwiefern sie spannungsreich aufeinandertreffen. Die Datenerhebungen erfolgen über Metaanalysen, Expert*inneninter-views, problemzentrierte Interviews und teilnehmende Beobachtungen. Für die Datenanalyse werden Verfahren der Grounded Theory-Analyse genutzt.

  • B02: Control/Space: Die Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen in Kontexturen, Karten und Diskursen (Hubert Knoblauch/Silke Steets)

    In der ersten Förderphase stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich die digitale Mediatisierung auf die Arbeit von und in Kontrollräumen auswirkt. Veränderungen der translokalen Kontrollarbeit zeigten sich besonders in der Polykontexturalisierung, also der gleichzeitigen Beobachtung und Steuerung verschiedenster Räume. Ermöglicht wird dies durch die digitale Integration der Kontrollzentren, die menschliches Kontrollhandeln als Teil von cyber-physischen Systemen mit den kontrollierten Räumen verbindet.
    Ausgehend von den Kontroll- und Datenzentren „des Internets“ fokussieren wir in der zweiten Förderphase auf die Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen. Wir nutzen dabei die Einsicht aus der ersten Phase, dass die Kontrolle von Infrastrukturen trotz fortschreitender Automatisierung auf deutende Handelnde angewiesen bleibt. Da digitale Infrastrukturen eine eigene Materialität und Räumlichkeit aufweisen und eng mit handlungsleitenden Repräsentationen sowie räumlichen Imaginationen verbunden sind, wird eine Ausweitung der Forschungsperspektive notwendig. Um uns der komplexen Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen anzunähern, verfolgen wir eine dreifache Strategie: Anknüpfend an die erste Förderphase blicken wir (a) mittels fokussierter Ethnografie, Videografie und Expert*inneninterviews auf das, was als die „Kontrollräume des Internets“ verstanden werden kann, das heißt, auf die Kontexturen der Kontrollarbeit in Datenzentren und Internet Exchange Points. In einem diachronen wie synchronen Vergleich sammeln wir (b) typische Kartierungen und Mappings des Internets seit den späten 1960er Jahren und werten diese wissenssoziologisch aus. Mithilfe einer wissenssoziologischen Diskursanalyse erheben wir (c) die Imaginationen und metaphorischen Beschreibungen digitaler Räume, wie sie in staatlichen, wissenschaftlichen, unternehmerischen, netzaktivistischen und popkulturellen Texten zu finden sind. Die empirischen Einstiegspunkte bilden Deutschland und Indien.
    Von der Triangulation der drei Projektebenen erwarten wir uns ein komplexes Verständnis der Räumlichkeit digitaler Infrastrukturen. Das Projekt zielt damit auf ein Verständnis der Refiguration von Räumen durch digitale Mediatisierung. Es fokussiert auf die genaue Bestimmung der Raumfigur des Netzwerks (und möglicher Konflikte mit anderen Raumfiguren) und thematisiert den Zusammenhang von Raum, infrastrukturellen Regimes und Macht auf eine vergleichende Weise, die auch Aufschlüsse über die multiple spatialities des Digitalen verspricht.

  • B03: Smart People: Queere Alltagshandlungen in digitalisierten Lebensräumen (Martina Löw/Jörg Stollmann)

    In der ersten Förderphase des SFB haben wir die Refiguration von Räumen anhand der als Immobilienprodukt entwickelten koreanischen smart city Songdo untersucht. Es zeigte sich, dass die gesellschaftliche Spannung zwischen lokaler Familien- und globaler Marktwirtschaftsorientierung im Alltagshandeln der Stadt durch homogene Siedlungsformen und ein an den Interessen der Mittelschicht orientiertes Digitalisierungskonzept ausbalanciert wird. Angesichts der Deutlichkeit, mit der gerade smart city developments in Südkorea Kleinfamilienstrukturen unterstützen und soziale, kulturelle sowie ethnische Differenz dethematisieren, werden wir in zweiten Förderphase die Refiguration von Räumen im hochgradig digitalisierten Korea über soziokulturell konflikthafte Platzierungen analysieren.
    Seit den 1990er Jahren nimmt erstens die öffentliche Kritik an der Planungskultur Koreas zu und es formen sich soziale Bewegungen für mehr Mitbestimmung, mehr Ökologie und behutsame Erneuerung. Zweitens diversifizieren sich die Lebensformen, vor allem in den Metropolräumen. Insbesondere die vermehrte öffentliche Sichtbarkeit von LGBTIQ+ wird als Irritation der heteronormativen und familiären Strukturierung der koreanischen Gesellschaft erfahren. Das Teilprojekt untersucht im Themenfeld queerer Subkulturen sowie urbaner sozialer Bewegungen digitalisiert mediatisierte Handlungen. Die Daten aus der smart city Erhebung der ersten Förderphase werden zu den subkulturellen Platzierungen der Queer- und Stadtplanungsbewegungen ins Verhältnis gesetzt, sodass mittels der Analyse der räumlichen Refiguration in Südkorea Einsichten in multiple spatialities im SFB möglich werden. Eine zentrale Untersuchungsfrage ist hierbei, welche Raumfiguren mit welchen Logiken in relationale, dynamische Gefüge gebracht werden und welche Rolle hierbei Digitalisierung spielt. Es werden drei Arbeitspakete definiert: 1. Ethnografische Feldstudien zu Raumstrategien der LGBTIQ+-Szene im Großraum Seoul; 2. Sekundäranalyse der Interviews mit koreanischen Bewohner*innen von Songdo in Bezug auf Konstruktionen des otherings; 3. Expert*inneninterviews mit Akteur*innen urbaner sozialer Bewegungen zu konflikthafter Raumproduktion.

  • B04: Lokative Medien II: Neue Raumwirklichkeiten zwischen Konflikt und Koexistenz (Ingo Schulz-Schaeffer)

    Das Teilprojekt untersucht die mit der Veralltäglichung lokativer Medien einhergehende Veränderung der durch das handlungswirksame Raumwissen konstituierten Raumwirklichkeiten. Als lokative Medien gelten mobile Apps, die auf die Standortfunktionen von Smartphones zugreifen, um ihre Nutzer*innen im physischen Raum zu lokalisieren und ihnen Web-Inhalte anzuzeigen, die auf ihren aktuellen Standort zugeschnitten sind. In der Wahrnehmung der Nutzer*innen verschmelzen der digitale Raum auf dem Smartphone-Bildschirm und der physische Raum zu einem cyber-physischen Wirklichkeitszusammen-hang. In der ersten Förderphase hat das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Refiguration von Räumen geleistet, indem es mit lokativen Medien die jüngste Welle der Digitalisierung urbaner Räume in den Blick genommen hat und die Folgen dieses Refigurationsprozesses für die Frage der Zugänglichkeit öffentlicher Orte empirisch untersucht und theoretisch konzeptioniert hat. Seit der Antragstellung für die erste Projektphase haben sich lokative Medien von einem Experimentierfeld für neue Praktiken der Raumaneignung und -wahrnehmung zu Alltagstechniken entwickelt. Führende Internetplattformen haben die Annotationsfunktionen lokativer Empfehlungsdienste übernommen, mobile Spiele (z. B. Pokémon Go) und mobiles Dating (z. B. Tinder) sind inzwischen weit verbreitet. Unsere bisherigen Befunde zeigen, dass mit der Veralltäglichung lokativer Medien eine Polykontexturalisierung raumbezogener Wirklichkeits-konstruktionen stattfindet. Dabei entstehen sowohl Konstellationen konflikthafter Raumaneignung als auch der Koexistenz.
    In der zweiten Förderperiode sollen am Beispiel mobiler Empfehlungsdienste, mobilen Gamings und mobilen Datings unterschiedliche Formen der digitalen Mediatisierung vorgängiger Raumwirklichkeiten und der cyber-physischen Konstruktion alternativer Raumwirklichkeiten unter dem Gesichtspunkt von Konflikt und Koexistenz untersucht werden. In allen diesen Fällen können lokative Medien zum Anlass von Konflikten werden, etwa wenn die cyber-physische Raumwirklichkeit von etablierten Wirklichkeitswahrnehmungen abweicht und dies als Verzerrung thematisiert wird oder wenn sie mit Praktiken der Raumaneignung einhergeht, die etablierten sozial-räumlichen Verhaltensnormen widersprechen. In allen Fällen können lokative Medien, aber auch neue Formen der Koexistenz unterschiedlicher Raumwirklichkeiten ermöglichen, etwa wenn die jeweiligen cyber-physischen Raumwirklichkeiten wechselseitig füreinander unsichtbar bleiben. Die Entstehungsbedingungen für konfligierende oder koexistierende Raumwirklichkeiten werden mit einem Methodenmix aus problemzentrierten Interviews, fokussiert-ethnografischen Beobachtungen und computergestützten Textanalysen empirisch erforscht.

  • B05: Translokale Netzwerke II: Raumkonflikte und Klimagerechtigkeit in sozialen Medien (Barbara Pfetsch)

    In der ersten Förderperiode untersuchte unser Projekt die räumlichen Anordnungen von Öffentlichkeiten und konzentrierte sich dabei auf die Twitter-Kommunikation in den Städten Berlin und Jerusalem. Die Ergebnisse zeigten, dass reale Orte in der digitalen Kommunikation weiterhin von entscheidender Bedeutung sind und regelmäßig in neuartige, translokale Anordnungen öffentlicher Kommunikation eingebunden werden. So konnten wir Translokalität als ein zentrales Merkmal von Refiguration empirisch näher bestimmen, das besonders in Situationen räumlicher Anfechtungen deutlich wird, in denen konflikthafte Bedeutungen von Orten verhandelt werden.
    Aufbauend auf diesen Schwerpunkten werden wir in der zweiten Förderperiode Diskurse zu Konflikten um Raum und natürliche Ressourcen untersuchen, um zu zeigen, wie diese in der Social Media Kommunikation verhandelt werden.
    Dabei ist unser Ziel, die Kommunikation in umkämpften Räumen zu erfassen, indem wir vier Fallstudien durchführen, die jeweils einen lokal verwurzelten räumlichen Konflikt darstellen, der gleichzeitig mit dem globalen Thema der Klimagerechtigkeit verbunden ist. Die Fälle unterscheiden sich in Bezug auf Akteurskonstellationen und Machtverhältnisse und sind in vier verschiedenen Ländern angesiedelt, in denen dem Klimawandel jeweils unterschiedliche politische und soziale Relevanz zugeschrieben wird. Untersucht werden Social-Media-Diskurse über Proteste gegen die Dakota Access Pipeline (#NoDAPL) in den USA, die soziale Bewegung gegen die Abholzung des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes, Proteste gegen die Waldzerstörung für den Kohleabbau in Deutschland und Proteste gegen den Bau des größten privaten Erdgaskraftwerks in Israel, das sich in unmittelbarer Nähe zu israelischen und palästinensischen Städten befindet.
    Auf der Ebene der (1) Interaktionsnetzwerke fragen wir, wie verschiedene Communities in Klimagerechtigkeitsdiskurse involviert sind und wie diese in Raum und Lokalität verwurzelt sind. Im Hinblick auf (2) Themenräume fragen wir, wie Akteur*innen lokale Konflikte mit ähnlichen Themen an anderen Orten verbinden: Welche Orte werden im Diskurs benannt und relevant gemacht, und wie werden sie mit translokalen Meta-Narrativen von Klimagerechtigkeit und Umweltschutz verbunden? Schließlich untersuchen wir auch die (3) räumlichen Imaginationen, die Nutzer*innen sozialer Medien in ihrer textlichen und visuellen Kommunikation teilen, und prüfen, wie diese mit konflikthaften räumlichen Figuren verbunden und durch politisches Handeln mobilisiert werden.
    Für jeden Fall planen wir, Daten von der Social-Media-Plattform zu sammeln, auf der der jeweilige öffentliche Diskurs am stärksten ausgeprägt ist (Twitter, Facebook oder Instagram). Das Projekt kombiniert Netzwerkanalysen, automatisierte Inhaltsanalysen, Bildanalysen, Mappings und qualitative, interpretative Methoden.

  • C01: Die Grenzen der Welt II: Konflikte und Spannungen makroterritorialer Grenzbildung (Steffen Mau)

    Als Teil des Projektbereichs C „Zirkulation und Ordnung“ nähert sich das Teilprojekt der Frage der Refiguration von Räumen aus der Perspektive der Grenzen an. In der ersten Phase hat sich das Projekt auf die Erhebung und Analyse von Grenzinfrastrukturen im globalen Kontext konzentriert und vier stark fortifizierte Grenzen im Hinblick auf ihre Bestimmungsgründe analysiert. In der kommenden Phase soll sich das Projekt mit den makroterritorialen Grenzbildungsprozessen im Zuge regionaler Integrationsvorhaben und deren Wirkung auf Personenmobilität beschäftigen. Dabei wird davon ausgegangen, dass Formen regionaler Integration eine wichtige Zwischenebene zwischen der globalen Ebene und dem nationalstaatlichen „Container“ darstellen. Regionale Integrationsprozesse stärken vielfach die Öffnung und Freizügigkeit im Binnenverhältnis und bewirken – möglicherweise dadurch verursacht – auch Abschließungsprozesse nach außen. Während das Schengener Abkommen – vollständiger Abbau von Grenzkontrollen – die avancierteste Form der Makroterritorialisierung darstellt, sind in anderen Fällen die Visumbefreiung, erweiterte Aufenthalts- und Niederlassungsrechte oder der Zugang zum Arbeitsmarkt typische Elemente. Zugleich lässt sich beobachten, dass ehrgeizige Integrationsvorhaben durch politische und ökonomische Ungleichheiten und Konflikte dauerhaft blockiert werden. In diesem Teilprojekt geht es deshalb auch um die Kollision und Verschränkung unterschiedlicher Grenz- und Raumfiguren und den Prozess der Herausbildung neuer Raumanordnungen. Grenzwandel der genannten Art verknüpft nationalstaatliche Territorialräume auf neue Weise, verändert die Grenze als Ort und schafft neuartige Netzwerke und Zirkulationen, was jeweils spezifische Spannungen mit sich bringt. Untersucht werden soll anhand von drei exemplarischen Fällen in unterschiedlichen Weltregionen (EU; Mercosur; ECOWAS), wie sich die Zirkulation im Inneren und über makroterritoriale Grenzen hinweg verändert und welche Konflikte dabei auftreten. Zudem soll analysiert werden, wie Prozesse der Exterritorialisierung von Grenzen (beispielsweise im Rahmen der EU-Grenzpolitik) in Konflikt mit der Raumlogik durch regionale Integration treten können. Beispielsweise hat die Einbindung von Mitgliedsländern der Westafrikanischen Wirtschafts-gemeinschaft (ECOWAS) in die Migrationspolitik der EU zu weniger Freizügigkeit innerhalb der regionalen Integrationszone geführt. Das Projekt nimmt eine systematisch vergleichende und fallrekonstruktive Perspektive ein und erschließt den Gegenstand über Dokumentenanalyse und Expert*inneninterviews. Schließlich sollen die in der ersten Phase erhobenen Grenzdaten zusammen mit unseren Visumdaten erweitert werden, um eine größere Zahl regionaler Integrationsprojekte vergleichend zu untersuchen. Leitende These ist hier, dass sich jeweils Öffnungen im Inneren und Härtungen im Außenverhältnis zeigen sollten und sich neue Zirkulationsregimes herausbilden. Das Projekt untersucht dabei, wie neue Raumanordnungen entstehen und wie diese strukturiert sind.

  • C05: Das städtebauliche Mikroklimaregime: Die Konstitution von Räumen und Infrastrukturen der Hitze (Ignacio Farías)

    Ausgehend von einer Konzeptualisierung der Stadt als kritischer Zone des Anthropozäns untersucht das Teilprojekt die Refiguration von städtischen Räumen, die mit mikroklimatischen Anpassungsstrategien einhergeht. Der empirische Fokus liegt somit auf der gegenwärtigen Formierung eines städtebaulichen Mikroklimaregimes zum Zweck der Minderung negativer Effekte von schleichendem, thermischem Stress auf menschliches und nichtmenschliches Leben in der Stadt. Anhand zweier ineinander verflochtener Fallstudien von Pionierstädten der mikroklimatischen Anpassung, nämlich Stuttgart in Deutschland und Fukuoka in Japan, werden drei Momente der Regimebildung raumsoziologisch untersucht: erstens die Problematisierung städtischer Hitze, welche mit bestimmten sozial-räumlichen Anordnungen von Hitze und Betroffenheit zusammenhängt; zweitens die Infrastrukturierung hitzeresilienter Räume, welche durch materialpolitische Strategien und Konflikte mit bestehenden Praktiken und Infrastrukturen geprägt ist; und drittens die translokale Zirkulation dieses städtebaulichen Mikroklimaregimes, welche Variationen der damit verbundenen Refiguration von Räumen erkennen lässt. Das Teilprojekt möchte so einen dreifachen Beitrag zur Forschungsagenda des SFB machen: erstens anhand der Auseinandersetzung mit Raumanordnungen von Hitze und Betroffenheit zu eruieren, welche Raumfiguren für die Konzeptualisierung aktueller planetarer Refiguration geeignet sind; zweitens anhand der Untersuchung von städtebaulichen mikroklimatischen Interventionen zu prüfen, wie die aktuelle Klimakrise und Klimapolitik sich auf die Refiguration von Räumen einwirkt; drittens anhand der verflochtenen Geschichten der Fallstudien lokale Variationen dieser Refiguration zu erforschen.

  • C06 - Streaming-Serien: Raumgeschichten und Produktionsregime bei Afronovelas (Séverin Marguin)

    Das Teilprojekt widmet sich der Produktion von Raumgeschichten in der Popkultur am Beispiel von Streaming-Serien. Serien sind in den letzten Jahrzehnten zu wirkmächtigen massenmedialen Angeboten mit hoher Reichweite geworden. Sie erzählen Geschichten über, in und durch die Welt, wobei sie zur Bildung von kollektiven Raumgeschichten beitragen und Interpretationen des aktuellen Raumwandels vermitteln. Mit der Analyse von Afronovelas untersucht das Teilprojekt Raumgeschichten westafrikanischer (oberer) Mittelschichten, die (bisher kaum untersuchte) Projektionen von einem gelingenden Leben und deren Alltagsräume in einer westafrikanischen Großstadt zeigen.
    Dies erfolgt nicht nur filmanalytisch, sondern auch raum- und kultursoziologisch, indem die Raumge-schichten im Kontext ihrer Produktionsregime untersucht werden. Die sich gegenwärtig im Umbruch befindende westafrikanische Serienlandschaft beheimatet drei konkurrierende Produktionsregime, die zu paradigmatischen Vergleichseinheiten werden können: Das erste ist ein Überbleibsel der Kolonialzeit und folgt dem Modell der internationalen Kooperation unter der Obhut von Frankreich; das zweite ist das Produkt einer wachsenden Regionalisierungsdynamik, die zur Emergenz eines westafrikanischen audio-visuellen privatwirtschaftlichen Produktionssektors führt; das dritte wird von der aufkommenden Platt-formökonomie getragen und produziert translokale Koproduktionen von Serien. Gefragt wird zum einen, ob und wenn ja wie sich die Produktion fiktionaler filmischer Räume zwischen den Produktionsregimen unterscheidet und zum anderen, ob sich hier ein Spannungsverhältnis zwischen Raumgeschichten der Refiguration und refigurierten Produktionsbedingungen beobachten lässt.
    Im Sinne von multiple spatialities zielt das Teilprojekt darauf ab, Variationen von Raumgeschichten zum selben Kontext und deren Rückführung auf das Produktionsregime der Serien herauszuarbeiten. Diese drei Produktionsregime können als räumliche Figurationen gelesen werden, deren Berührungspunkte und Überlagerungen im Zentrum der Analyse stehen sollen. Sie sind jeweils paradigmatisch für eine refigurierte Ordnung und, indem sie zwei bedeutende große gesellschaftliche Herausforderungen der letzten Jahrzehnte, nämlich die Dekolonisierung und Mediatisierung, adressieren, besonders aufschlussreich für die Erforschung der Refiguration von Räumen. Um Antworten auf diese Fragen zu finden, verfolgt das Teilprojekt einen multimodalen qualitativen Forschungsansatz, der eine Serienanalyse von drei westafrikanischen Afronovelas, eine fokussierte ethnografische Untersuchung über die Produktion fiktionaler Räume am Serien-Set und ein institutionelles Mapping der drei Produktionsregime umfasst.

  • C07: Plattformökonomie: Raumkonflikte um Airbnb zwischen weltweiter Vermarktlichung und territorialer Einhegung (Stefan Kirchner)

    Das Teilprojekt untersucht die Refiguration von Räumen am Beispiel von Airbnb. Die Frage ist, wie und wann sich Konflikte aus den Spannungen zwischen den Raumfiguren Ort, Netzwerk- und Territorialraum ergeben. Grundlage für diese Analysen ist, dass ein spezifisches Wechselverhältnis von Ort und Netzwerk-raum den digitalen Marktplatz von Airbnb prägt. Als ein zentrales Beispiel für die Plattformökonomie ermöglicht es Airbnb, weltweit Übernachtungen zu buchen, und verknüpft so Orte in einem digitalen Netzwerkraum. Als cyber-physischer Raum verbindet Airbnb ortsbezogene Eigenschaften, wie Lage und Umfeld, mit virtuellen Eigenschaften des digitalen Marktplatzes, wie Algorithmen, Beschreibungen und Bewertungen. Airbnb kuratiert dabei die ortsgebundenen Angebote und die weltweite Nachfrage, um einen Profit zu erwirtschaften. Während zu Beginn unter dem Schlagwort der „Sharing Economy“ viele auf eine nachhaltige Art des Wirtschaftens und eine digitale Gemeinschaft hofften, wächst derzeit die Kritik. Kritiker erkennen in Airbnb ein Paradebeispiel für ein Marktregime einer radikalisierten Ökonomisierung, das Privatunterkünfte zur globalen Ware macht. Tatsächlich nutzen vermehrt professionelle Anbie-ter*innen Airbnb, um oftmals mehrere Privatunterkünfte gewerbsmäßig anzubieten. Der weltweite Erfolg und die Professionalisierung von Airbnb erzeugen in vielen Städten zunehmend Folgeprobleme, wie sinkende Wohnqualität, steigende Immobilienpreise und nicht-regulierten Tourismus. Dabei entstehen vor Ort Raumkonflikte um Airbnb, in denen lokale Initiativen und kommunale Ämter insbesondere in definierten Territorialräumen, zu denen Städte oder Stadtteile werden, agieren. So sind territoriale Amtsgebiete oftmals Ausgangspunkt von Versuchen, Regeln aufzustellen und durchzusetzen, um Airbnb einzuhegen. Bisher ist jedoch wenig bekannt, wie Airbnb die konkreten Orte in einen digitalen Netzwerkraum einbindet und wie das konflikthafte Wechselverhältnis von Netzwerk- und Territorialraum die Aktivitäten auf dem digitalen Marktplatz von Airbnb prägt.
    Das Teilprojekt untersucht Raumkonflikte und die zugrundeliegenden Wechselverhältnisse der Raum-figuren Ort, Netzwerk- und Territorialraum mit einem Mixed-Methods-Design im Städtevergleich: Das Design vergleicht drei Städte (Berlin, Kapstadt, San Francisco), um einerseits zu prüfen, ob Airbnb eine weltweit einheitliche Vermarktlichung umsetzt, und um andererseits aufzudecken, ob und wie lokale Initiativen und kommunale Ämter wirksame Einhegungsversuche realisieren. Die quantitativen Analysen nutzen Airbnb selbst als neuartige Datenquelle. Dabei speichert Web Scraping die Daten einzelner Angebote (GPS-Koordinaten, Bewertungen, Beschreibungen usw.) als lokalen Datensatz. Das umfasst beispielsweise für Berlin, bei monatlichen Intervallen ab dem Jahr 2015, über eine Million Beobachtungen, die die Angebote und ihre Eigenschaften über die Zeit abbilden. Mit dieser hochauflösenden Paneldaten-struktur und GPS-Koordinaten lässt sich der Marktplatz genau analysieren und mit weiteren Datenquellen verknüpfen. Weitere quantitative Analysen prüfen mit Daten zu Konfliktereignissen und Paneldaten zu den Airbnb-Angeboten die Wechselwirkungen zwischen dem Marktplatz und Raumkonflikten im Zeitverlauf. Zusätzliche qualitative Analysen vertiefen und fundieren die quantitativen Ergebnisse. Ausgehend von qualitativen Fallstudien einzelner Angebote erweitern Expert*inneninterviews die Perspektive um eine Analyse der Raumkonflikte um Airbnb. Dieser Schritt untersucht Airbnb, lokale Initiativen und kommunale Ämter. Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen prüft das Projekt abschließend, ob sich die vorgefundenen Zusammenhänge nach der Covid-19-Pandemie pfadabhängig fortschreiben oder ob sich die Verhältnisse auf dem digitalen Marktplatz von Airbnb substanziell verändern.

  • C08/A04: Architekturen des Asyls: Zirkulation von Governance-Ansätzen, Planungswissen, Designpraktiken und Materialitäten (Philipp Misselwitz)

    In der ersten Förderphase hat das Teilprojekt subjektive sozial-räumliche Aneignungspraktiken und Home-Making-Prozesse Geflüchteter in Flüchtlingscamps und Notunterkünften in Deutschland und Jordanien untersucht. Die Forschung hat diese Prozesse als konflikthafte Aushandlungen offengelegt, in denen Wissensbestände hybridisiert werden. Die SFB-Leithypothesen zu Polykontexturalisierung und Translokalisierung als Ausprägungen der Refiguration von Räumen erwiesen sich für die Analyse dieser Hybridisierung von subjektivem Raumwissen als fruchtbar. Sie prägen die extremen Orte der Asylarchitekturen in ihrer Materialität und als sozial-räumliches Konstrukt entscheidend. Wesentlich war dabei auch die Erkenntnis, dass die Rahmenbedingungen der Versorgungs- und Kontrollregime, die Asylarchitekturen mitbestimmen, nicht als monolithisch und homogen begriffen werden können. Das sich durch Planungs- und Designstandards oder Managementregularien manifestierende institutionelle Wissen wird geprägt von komplexen, multiskalaren und translokalen Zirkulationsdynamiken. In der zweiten Förderphase sollen durch einen Perspektivwechsel diese sich dynamisch entwickelnden Ordnungssysteme und die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Akteure, Konflikte und Aushandlungsprozesse verstärkt in den Blick genommen werden. Ein Fokus liegt hierbei auf den an konkreten Planungen und Bauprozessen von Asylarchitekturen beteiligten zivilgesellschaftlichen Akteuren und Stadtverwaltungen. Diesen Akteuren kommt eine immer wichtiger werdende Vermittlungsrolle zu: zwischen einerseits auf nationaler Ebene definierten Asylgesetzgebungen, geostrategischen Sicherheitspolitiken oder dem internationalen humanitären Regime zugeordneten Akteuren wie UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), global agierenden NGOs oder Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit und andererseits den sich vor Ort ergebenden kontextuellen Faktoren und konkreten alltagsweltlichen Konflikten und Herausforderungen. Das Teilprojekt wird die Fragestellung untersuchen, welche neuen „glokalen“ Governance-Konstellationen bei der Bewältigung von Fluchtmigration in Städten entstehen und wie sie die physisch-materiale Raumkonstitution durch Asylarchitekturen beeinflussen. Durch die Beobachtung von planerischen Aushandlungen und der durch sie entstehenden Orte in ihrer physisch-materialen Dimension wird untersucht, wie die national und supranational definierten regulativen Rahmenbedingungen (politisch und rechtliche Grundlagen, Normierungen, Designstandards oder Handbücher) als Absicherungen technopolitischer Regime für Geflüchtetenunterbringung und -versorgung an lokale Bedingungen angepasst werden und somit neue Regimebildungsprozesse entstehen.
    In Kontinuität zur ersten Förderphase wird die Fallstudie der Berliner Tempohomes als Notunterkunfts-typologie fortgesetzt. Die Fallstudie Jordanien wird auf den Metropolraum Amman neu ausgerichtet. Hinzu kommt mit Abuja in Nigeria eine dritte, validierende Fallstudie in einer durch Krisen, Binnenvertreibungen und internationale Interventionen geprägten Region. Das Teilprojekt erweitert somit das Spektrum der untersuchten Asylarchitekturen und entwickelt eine Typologie jenseits von Flüchtlingslagern und Notunterkünften. Damit kann auch eine erweiterte Gruppe von Geflüchteten, Binnenvertriebenen und Migrant*innen in den Blick genommen werden, zwischen denen klare Unterscheidungen zunehmend unmöglich sind. Am Beispiel der critical juncture globaler Fluchtmigration will das Teilprojekt somit zum Verständnis dessen beitragen, wie stadtplanerische Krisenmanagements in multiple spatialities durch translokal wirkende Konflikte und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Raumfiguren mit ihren politischen, rechtlichen und technischen Aspekten geprägt und verändert werden.

  • MGK: Integriertes Graduiertenkolleg (Martina Löw/Anna Juliane Heinrich/Séverine Marguin)

    Kernanliegen des Integrierten Graduiertenkollegs ist es – analog zur ersten Förderperiode – fachlich exzellente, hochmotivierte Promovierende mit Forschungsinteressen rund um die Refiguration von Räumen im interdisziplinären Verbund strukturiert zur Promotion zu führen und durch das umfangreiche, bedarfs-gerechte Qualifikationskonzept auf eine weiterführende wissenschaftliche Karriere vorzubereiten. Hierfür schafft das MGK mit seinen Ansätzen optimale Rahmenbedingungen: Das Qualifizierungskonzept sieht zum einen die kontinuierliche individuelle Betreuung der Promovierenden durch ein interdisziplinäres Team aus Promotionsbetreuer*innen, Postdoc-Mentor*innen, MGK-Leiterinnen sowie gezielt hinzugeladenen externen Expert*innen vor. Zum anderen bietet das Studienprogramm den Kollegiat*innen strukturierte Anleitung, vermittelt ihnen fachliche und methodische Kompetenzen sowie Schlüsselqualifikationen zur Anfertigung ihrer Dissertation sowie für ihre persönliche und wissenschaftliche Weiterentwicklung.
    Den Kick-off in das MGK-Programm bildet eine Onboarding Spring School, die im Frühjahr 2022 dazu dienen wird, den MGK-Mitgliedern die Arbeiten und Erkenntnisse der ersten Förderphase zu vermitteln, ihnen die leitenden Hypothesen des SFB zu erklären, für den SFB besonders relevante interdisziplinäre Methoden der Raumforschung einzuführen sowie eine Einleitung in Forschungsethik und gute wissenschaftliche Praxis zu geben. Auf diesem Weg wird zu Beginn eine gemeinsame Wissensbasis geschaffen und eine kooperative Arbeitskultur im interdisziplinären Verbund etabliert. Dreh- und Angelpunkt des MGK wird weiterhin das regelmäßige MGK-Kolloquium sein, bei dem alle Promovierenden mindestens jährlich ihr Vorhaben vorstellen. Der regelmäßige Einblick in die Forschungsarbeiten ermöglicht tiefgehende Diskussionen und individuelle Beratung, die vor allem auch peer-to-peer funktionieren. Neu etabliert wird in der zweiten Förderphase ein jährlicher Betreuungstag, bei dem alle Promovierenden den Betreuer*innen und Teilprojektleitenden ihre Arbeitsstände präsentieren. Er dient insbesondere der Abstimmung zwischen Promotionen und Teilprojekten. Als Meilenstein-Event wird der Betreuungstag mit verbindlichen Abgabe-leistungen verbunden und dient dazu, die nächsten Arbeitsschritte zu verabreden.
    Darüber hinaus wird das MGK-Programm konsequent kollegial und bedarfsgerecht entwickelt. Formate wie Fortbildungen und Datensitzungen werden in enger Abstimmung mit den Promovierenden durchgeführt. Eigeninitiativ organisierte Aktivitäten der Promovierenden werden angeregt und unterstützt, um die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses zu fördern. Diese Mitbestimmung hat sich in der ersten Förderperiode bewährt und zudem viel Engagement der MGK-Mitglieder begründet. Die internationale Sichtbarkeit und Vernetzung der Promovierenden wird durch verschiedene Maßnahmen gefördert: Es sind zwei internationale Workshops (z. B. Summer Schools) vorgesehen. Die Kollegiat*innen werden konsequent in die Einladung und Betreuung internationaler Gastwissenschaftler*innen eingebunden. Konferenzteilnahmen werden gefördert, um die Internationalisierung des Profils der Kollegiat*innen zu stärken.
    Neben den 17 Promovierenden, die als wissenschaftliche Mitarbeiter*innen in den Teilprojekten des SFB angestellt sind, bietet das Integrierte Graduiertenkolleg auch 13 assoziierten Promovierenden der beteiligten Universitäten, deren Promotionsthema einen inhaltlichen Bezug zur Refiguration von Räumen aufweist, eine ideelle Förderung. Damit soll die Einbindung des MGK in sein wissenschaftliches Umfeld gefördert werden.

  • INF: Forschungsdatenmanagement (Jan Goebel/Hubert Knoblauch)

    In der ersten Phase des SFB konnte neben der Gütesicherung der methodischen Vorgehensweise bei der Erhebung empirischer Daten eine Bestandsaufnahme der erhobenen und gesammelten Forschungsdaten sowie die Koordination von Datenmanagementplänen umgesetzt werden. Zudem wurden Methoden, Anforderungen und Bedarfe der Teilprojekte in Bezug auf das Forschungsdatenmanagement (FDM) im SFB erhoben und systematisch ausgewertet. Trotz der Herausforderungen multimethodischer Interdisziplinarität und der Corona-Einschränkungen wurden Vorarbeiten zur Entwicklung eines die unterschiedlichen Datensorten inkludierenden Metadatenschemas vorgenommen. Dieses Metadatenschema soll mittel- und langfristig die tiefe Erschließung archivierter Forschungsdaten im Rahmen der systematischen SFB-internen Nachnutzung ermöglichen sowie als wesentliche FDM-Grundlage für die Übergabe ausge-wählter Korpora an spezialisierte Forschungsdatenzentren (FDZ) dienen.
    Das Infrastrukturprojekt zielt auf den nachhaltigen Umgang mit der großen Bandbreite digitaler bzw. digitalisierter Forschungsdaten, die in den unterschiedlichen im SFB vertretenen Disziplinen bereits erhoben wurden bzw. noch erhoben werden und in der dritten Förderphase intern und/oder extern in FDZ nachgenutzt werden sollen. Um dieses Nachhaltigkeitsziel im SFB erreichen zu können, wurde das Infrastrukturprojekt konzipiert. In enger Zusammenarbeit mit dem Methoden-Lab soll es zusätzliche methodische Entwicklungs- und Servicefunktionen für den SFB übernehmen. Diese sind notwendig, um die in den einzelnen Teilprojekten erhobenen bzw. gesammelten Datenkorpora im Sinne eines SFB-weiten FDM technisch, infrastrukturell und methodologisch miteinander zu verknüpfen, sodass sie mittel- bis langfristig intern bzw. extern nachgenutzt werden können. Das FDM als Element des Forschungsprozesses ist eine Aufgabe, die in Einzelprojekten üblicherweise intern geleistet wird und dabei sowohl methodologischen als auch Disziplin-spezifischen Vorgaben sowie, insbesondere im Bereich der qualitativen empirischen Forschung, häufig auch idiosynkratischen bzw. projektspezifischen Herangehensweisen folgt. Als Voraussetzung für die strukturierte Archivierung und Nachnutzbarkeit von in Forschungsverbünden erhobenen bzw. gesammelten Gesamtkorpora liegen daher kaum gemeinsame Grundlagen vor, sodass einheitliche technische, insbesondere aber auch methodologische Standards erst entwickelt, erprobt und angewendet werden müssen. Die hierfür notwendigen Ressourcen können daher weder in den Einzelprojekten der Primärforschung vorausgesetzt noch von diesen allein erbracht werden, sodass die Etablierung und Koordination eines einheitlichen FDM-Konzepts auf SFB-Ebene sowie die Entwicklung und Erprobung entsprechender Strukturen im Rahmen von speziell zugeschnittenen technischen und methodologischen Arbeitspaketen geleistet werden sollen.
    Ausgehend von Vorarbeiten aus der ersten Phase soll die wesentliche Aufgabe des Infrastrukturprojekts darin bestehen, unter Berücksichtigung der Anforderungen der Primärforschung (1.) einheitliche technische und methodologische Standards (weiter) zu entwickeln (siehe eigene Vorarbeiten), zu erproben und in Zusammenarbeit mit den Forscher*innen praktisch umzusetzen. Die Standards sollen es schließlich erlauben, die Teilkorpora bzw. deren Metadaten systematisch in einem digital recherchierbaren SFB-Gesamtforschungsdatenkorpus zu repräsentieren. Teilaufgaben des Projekts betreffen vor diesem Hintergrund insbesondere (2.) die technisch-infrastrukturelle (Server) sowie (3.) die methodologische Umsetzung dieser Standards, vor allem hinsichtlich der nutzungsorientierten Weiterentwicklung und Implementierung eines Datensorten-übergreifenden Metadatenschemas als Basis für die interne und externe Nachnutzbarkeit der Forschungsdaten (Metadaten). Das Infrastrukturprojekt soll neben den Grundlagen für die interne zusätzlich die Voraussetzungen für die externe, wissenschaftsöffentliche Nachnutzbarkeit der Forschungsdaten schaffen: Hierzu soll es (4.) die Kooperation mit geeigneten FDZ koordinieren (Vernetzung). Dabei soll die im SFB gewonnene Expertise im Umgang mit raumbezogenen Korpora an den Entwicklungsprozess laufender Infrastruktur-Initiativen (NFDI/ KonsortSWD) rückgekoppelt werden. Das Infrastrukturprojekt soll sich so an der (Community-orientierten) Weiterentwicklung von über den SFB hinausreichenden Forschungsdateninfrastrukturen (FDI) und -strategien beteiligen (Strukturentwicklung). Die Zusammenarbeit mit den Teilprojekten soll außerdem (5.) die Beratung hinsichtlich der Umsetzung des SFB-weiten FDM umfassen. Dabei soll die fortgesetzte Kommunikation als empirische Basis für die Entwicklungen im Infrastrukturprojekt dienen und deren strenge Community-Orientierung sicherstellen.
    Als größte Herausforderung dieser Zielsetzungen soll die Diversität der Forschungspraktiken fokussiert werden, die abhängig von den qualitativen, quantitativen oder Mix-Methods-Forschungsdesigns der jeweiligen Teilprojekte stark variieren. Um den ausgesprochen heterogenen Anforderungen an das FDM im Kontext des SFB zu entsprechen, soll das Infrastrukturprojekt daher ausdrücklich nicht nur Forschungsansätze berücksichtigen, die quantitativ oder qualitativ arbeiten, sondern gezielt auch solche, die einem Mix-Methods-Ansatz folgen. Besonderes Augenmerk soll außerdem auf den umfangreichen Bereich der raumbezogenen Forschungsdatenkorpora gelegt werden, die ein SFB-weites FDM hinsichtlich ihrer Nachnutzbarkeit je nach Forschungsdesign vor jeweils sehr spezifische Herausforderungen stellen.

  • Ö: Raummigration und Tourismus II: Imaginative und bildraumspezifische Kontexturen Venedigs (Stefanie Bürkle)

    Das Teilprojekt Öffentlichkeitsarbeit zielt auf die Vermittlung der Arbeit des Sonderforschungsbereichs 1265 und seiner Ergebnisse durch künstlerische Arbeit. Erarbeitet wird insbesondere eine Ausstellung plus Begleitprogramm, die die Öffentlichkeit auch jenseits der beteiligten akademischen Fächer und der wissenschaftlichen Community anspricht. Den Grundsätzen einer sich auch selbst reflektierenden Wissenschaftsvermittlung entsprechend, konzipiert der SFB ein Öffentlichkeitsarbeits-Teilprojekt, das nicht nur die Forschung im SFB mit Mitteln der Kunst wiedergibt, sondern im SFB selbstständig eine dem Gegen-stand des SFB gewidmete künstlerische Forschung betreibt.
    In der ersten Förderphase konnte das Projekt anhand von empirischen Fallstudien in Südkorea und Berlin räumliche Veränderungen mit skalenübergreifenden Überlagerungen von Raumfiguren der Migration und des Tourismus aufzeigen. In der zweiten Phase wird es anhand einer neuen Fallstudie zu Venedig künstlerisch untersuchen, wie zirkulierende Bilder und Venedig-Nachbauten die norditalienische Stadt refigurieren. Zentrale Forschungsfrage ist, welche Neuordnung von Räumen durch die global zirkulierenden Venedigbilder entsteht. Damit wird Refiguration vor Ort in Venedig in Relation zu den Nachbauten Venedigs in der Welt und den, auch digitalen, um die Welt reisenden Bildern untersucht.
    Mit verschiedenen qualitativen methodischen Ansätzen (Interviews, Fotografie, Videografie) führt das Projekt (1) eine eigene empirische Untersuchung durch, die einem künstlerischen Forschungsansatz folgt. Darüber hinaus (2) nimmt das Kunstprojekt auch die Inhalte thematisch naheliegender Teilprojekte auf und gestaltet (3) Wissensvermittlung in die Öffentlichkeit in verschiedenen künstlerischen Formen. Dies geschieht (a) durch verschiedene Medienformate, (b) durch eine städtische, visuelle Intervention im öffentlichen Raum nach den ersten zwei Jahren sowie (c) durch eine selbst wandernde Ausstellung zum Ende der zweiten Förderphase des SFB.