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Subreddits im Konflikt: Die territorialen Praktiken von Online-Gemeinschaften

19. Februar 2021

Autoreninfo: Daniel Lambach ist Politikwissenschaftler und derzeit auf einer Heisenberg-Stelle am Forschungsverbund Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt. Außerdem ist er Privatdozent an der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. In seiner Forschung befasst er sich mit politischen Raumkonstruktionen vor allem in den Global Commons sowie im Cyberspace.

Territoriale Praktiken und Konfliktverhalten

Raumkonflikte gibt es auch im Internet. Es mag angesichts der zunehmenden Verschmelzung von digitaler und „realer“ Welt immer weniger angemessen sein, den Cyberspace als eigenständigen Raum zu behandeln. Aber aufgrund der weiter fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft lohnt es sich besonders, soziale Dynamiken im Zusammenspiel zwischen digitalem Raum und physischer Welt zu analysieren. Außerdem ist die räumliche Selbstinszenierung des Cyberspace sehr traditionsreich, von John Perry Barlows Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace bis zum „Don’t Worry I’m from the Internet“ Meme, und beeinflusst bis heute Debatten der Internet Governance.

Bekannt ist hier insbesondere die Diskussion über die befürchtete „Fragmentierung“ des Internets durch die Reproduktion von Grenzen im Cyberraum. Die Schuld wird hier vor allem den Staaten gegeben, die im Internet Grenzen schaffen – durch Gesetze zur Datenlokalisierung, durch „nationale Firewalls“ oder durch Bestimmungen juristischer Haftbarkeit. Aber Staaten sind keineswegs die einzigen Akteure, die auf diese Weise Territorien im digitalen Raum abstecken. Unternehmen und private User machen das genauso, um Grenzen ihrer Online-Gemeinschaften abzustecken und gegen unerwünschte Eindringlinge zu verteidigen. Unternehmen bauen passwortschützte Plattformen, sogenannte „Walled Gardens“ oder Software-Ökosysteme, um Konsument_innen anzulocken und an sich zu binden. Einzelne User schaffen private Gemeinschaften in Foren, in Gilden in populären Online-Rollenspielen, in Netzwerken auf sozialen Medien, in Voicechat-Kanälen oder in Gruppen bei Messenger-Diensten wie WhatsApp oder Telegram.

Die Aufrechterhaltung dieser Online-Gemeinschaften geschieht, neben anderen Formen sozialer Integration, unter anderem durch „territoriale Praktiken“. Damit meine ich soziales Handeln, welches dazu dient, ein Territorium zu schaffen, dieses mit einer Bedeutung zu versehen und es zu reproduzieren. Zu einem Territorium gehören drei notwendige Elemente. Erstens eine Benennung – das Territorium muss einen Namen und eine Gestalt haben. Zweitens eine Abgrenzung, die symbolisch oder praktisch kommuniziert wird. Und drittens die regelmäßige Zurschaustellung von Kontrolle und Macht innerhalb der Grenzen. Durch diese territorialen Praktiken regeln Online-Gemeinschaften ihre externen Beziehungen und stärken gleichzeitig ihre Identität und Kohäsion.

Digitale Konflikte bei Reddit

In diesem Beitrag möchte ich diese Logik territorialer Praktiken am Beispiel des Subreddits r/de erläutern. r/de ist ein deutschsprachiges Forum, das als Teil der vorherrschend englischsprachigen Webseite reddit.com existiert. Reddit ist ein sogenannter „Social News Aggregator“, also eine Webseite, auf der Nutzer_innen Inhalte einstellen oder verlinken können, die dann wiederum von anderen Usern kommentiert werden können. Es ist in themenbezogene Foren („Subreddits“) unterteilt, in welchen Nutzer_innen Inhalte anbieten, lesen und kommentieren können, die das ganze gesellschaftliche Spektrum abdecken – von allgemeinen Seiten wie r/technology or r/science bis hin zu hochspezialisierten Nischen. Reddit ist aktuell (Stand 21. Januar 2021) auf Platz 18 der meistbesuchten Seiten im Internet und derzeit aufgrund des Subreddits r/wallstreetbets und dessen Involvierung in den Handel mit Gamestop-Aktien auch der breiten Öffentlichkeit bekannt geworden.

Abb. 1: Screenshot von r/de am 29.01.2021. Das obige Banner (nur als Ausschnitt zu sehen) zeigt ein Motiv von einer Gedenkfeier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, die zwei Tage zuvor stattgefunden hatte.

Es gibt keine Beschränkung, in wie vielen Subreddits User Mitglied sein können. Und trotz dieser mehrfachen Identitäten ihrer Mitglieder entwickelt jeder Subreddit eine eigene soziale Dynamik und eine eigene Gemeinschaftsidentität. Als erste territoriale Praxis kommt hier die Schöpfung und Benennung des Subreddits ins Spiel. Jede/r Nutzer_in kann einen ungenutzten Namen verwenden, um damit einen neuen Subreddit zu schaffen. Durch die Wahl des Namens – nüchtern, ironisch, mit oder ohne Bezug auf bestimmte kulturelle Produkte – wird der Charakter der Online-Gemeinschaft vorgezeichnet. Die Abgrenzung gegenüber anderen Subreddits kann visuell durch Banner, Hintergrundbilder, Schriftarten und Ikons kommuniziert werden. Sozial erfolgt diese Abgrenzung z.B. dadurch, dass in manchen Subreddits nur Mitglieder dieser spezifischen Gemeinschaft kommentieren oder posten dürfen. Aber auch Sprache und Symbole (insbesondere Memes) werden zur sozialen Abgrenzung gegenüber Außenseiter_innen genutzt. Und nicht zuletzt werden die Eigenschaften einer Subreddit-Gemeinschaft durch die Ausübung von Kontrolle beeinflusst. Jeder Subreddit braucht Moderator_innen, die für die Einhaltung der Reddit Content Policy in ihrem Bereich verantwortlich sind. Moderator_innen haben weitreichende Kompetenzen, Beiträge zu löschen, Kommentarsektionen zu schließen sowie Nutzer_nnen temporär oder dauerhaft zu verbannen. So regelt jedes Team von Moderator_innen, über welche Themen und Inhalte in welcher Weise gesprochen wird.

Wo es soziale Gemeinschaften gibt, treten auch stets Konflikte auf, wie uns die Konfliktsoziologie lehrt. So ist es auch auf Reddit, wo es immer wieder zu Konflikten zwischen Subreddit-Gemeinschaften kommt. Die Konfliktdynamiken sind hier genau dieselben wie in der Offline-Welt. Manche Konflikte beruhen auf bloßen Missverständnissen, manche werden als Teil der Identität eines Subreddits gehegt und gepflegt. Viele Konflikte schwelen die meiste Zeit auf niedriger Flamme, eine kleine Zahl davon eskaliert. Das ist auch deshalb nicht verwunderlich, weil nur wenige Subreddits eine „reine“ Online-Identität haben. Vielmehr bilden sich Online-Gemeinschaften auf Reddit entlang von sozialen Grenzen, die zuerst außerhalb von Reddit existieren, z.B. entlang nationaler oder Sprachgemeinschaften (r/france, r/de), politischer Einstellungen (r/conservative, r/libertarian) oder Freizeitinteressen (r/gaming). Diese sozialen Gruppen bringen ihre ingroup/outgroup-Vorstellungen in ihre Subreddits mit. Deutlich sieht man das z.B. zwischen Subreddits rivalisierender Fußballclubs wie Liverpool FC und Manchester United. Teilweise entwickeln sich auch Subreddits zum gleichen Thema, die unterschiedliche soziale Gruppen ansprechen, z.B. r/personalfinance für die Mittel- und Oberschicht, r/povertyfinance für ärmere Schichten.

Konfliktverhalten bleibt in Subreddits zumeist intern. In klassischer Manier des Ingrouping vergewissern sich Subreddits ihres Wir-Gefühls, indem sie verfeindete Gruppen abqualifizieren und so ihre Vorurteile reproduzieren, z.B. wenn auf r/liverpoolfc der verfeindete Club und seine Fans ritualisiert als „(Manc) scum“ bezeichnet werden. Konfliktaustrag zwischen Subreddits findet vor allem über das sogenannte „Brigading“ statt. Dabei sabotieren Nutzer_innen einen fremden Subreddit, indem sie dort unpassenden oder anstößlichen Content posten und Posts und Kommentare der dortigen Nutzer_innen downvoten. Damit schädigen sie die betroffenen Nutzer_innen, da die Bilanz von Up- und Downvotes ihrer Beiträge einen individuellen „Karma score“ ergibt, der indirekt als Anzeichen der Vertrauenswürdigkeit von Usern angesehen wird. Manche Subreddits haben Anforderungen an einen Mindest-Karmawert, bevor man dort posten darf. Brigading, ebenso wie dessen individuelle Form „Trolling“, gilt als schweres soziales Fehlverhalten auf Reddit, da sich viele Subreddits mehr oder weniger explizit als „safe spaces“ für ihre Mitglieder verstehen. Moderator_innen vieler Subreddits drohen daher mit temporären oder dauerhaften Verbannungen für Nutzer_innen, wenn sie sich an Brigading- oder Trolling-Aktionen beteiligen.

Das Beispiel r/de

Der Subreddit r/de bestehtseit Februar 2006, wurde also kurz nach Gründung von Reddit aufgebaut, und hat inzwischen über 400.000 User, der Großteil davon jung, männlich und technikaffin. Er wird beschrieben als „Sammelbecken für alle Deutschsprechenden, hauptsächlich auf Deutsch, manchmal auch auf Englisch. Für Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und den einen Belgier“. Daneben gibt es noch themenbezogene deutschsprachige Subreddits (r/fahrrad, r/weibsvolk, r/Austria), die aber deutlich geringere Nutzungszahlen haben. r/de ist thematisch offen: Politik, Kultur, Neuigkeiten und private User-Geschichten sind hier alle zu finden.

Seine eigene Identität als Online-Gemeinschaft findet r/de vor allem durch soziale Praktiken des Ein- und Ausschlusses, weniger über technische Hürden. Die grafische Gestaltung des Subreddit-Logos vereint die deutsche, die österreichische sowie die Schweizer Flagge und zeigt damit deutlich die nationale Verankerung der Community. Am deutlichsten funktioniert die Abgrenzung über Sprache – das Forum ist auf Deutsch, was die nicht-deutschsprachige Mehrheit der Redditnutzer_innen automatisch ausschließt. Hinzu kommt die Verwendung eines Subreddit-spezifischen Slangs, der auf der ironischen Übersetzung englischer Begriffe basiert (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Eindeutschungen verbreiteter Begrifflichkeiten auf Reddit

OriginalEindeutschung
(dank) memes(feuchte) Maimais
upvotehochwählen (Verb); Hochwähl (Nomen)
downvoterunterwählen (Verb); Runterwähl (Nomen)
RedditLases
SubredditUnter(lases)
threadFaden
circlejerkKreiswichs
TIL (Today I Learned)HLI (Heute lernte ich) / HHIG (Heute Habe Ich Gelernt)
post, crosspostpfostieren (Verb), kreuzpfostieren (Verb)
shitpostingscheißepfostieren
copypastaKopiernudel
brigadingbrigadieren
oh boyHui Bub
dude(s)Brudi, Kerle

Hinzu kommen r/de-spezifische Insiderreferenzen (sogenannte Copypasta/Kopiernudeln) wie z.B. achberlin.txt, die bei passenden Gelegenheiten in den Kommentarbereich kopiert werden. Wie in anderen Subreddits gibt es auch hier typische Memes wie z.B. den Mittwochsfrosch oder die beliebten „Tirade“-Threads, die stets nach einem etablierten Format ablaufen. Diese Subreddit-spezifischen Symbole, Praktiken und Slang brauchen Insiderwissen, um sie zu verstehen. Dadurch wird r/de als Territorium einer deutschsprachigen Community auf Reddit konstituiert, welches gegenüber fremdem Eindringen – sowohl von anderen Reddit-Usern als auch von deutschsprachigen Nicht-Redditor_innen – geschützt ist.

Zusammengehalten wird der Subreddit von einem Team von Moderator_innen. Die Moderationsregeln beinhalten Verhaltensregeln, die vom allgemeinen (Ablehnung von rassistischen oder anderen diskriminierenden Aussagen) zum sehr Reddit-spezifischen (Titel verlinkter Artikel dürfen nicht verändert werden) reichen. Wenn ein Modethema aufkommt, erlassen die Moderator_innen manchmal Themenmoratorien, damit die Seite nicht unter entsprechenden Einreichungen begraben wird. Alternativ können sie auch sogenannte Megathreads aufmachen, in denen ein Thema gebündelt diskutiert werden kann statt über eine Vielzahl einzelner Einreichungen verteilt zu werden. Threads mit fortdauernder Aktualität können als „sticky“ auf der Startseite von r/de angeheftet werden, um nicht vom sehr aktualitätsbezogenen Content-Algorithmus nach unten gespült zu werden. Im Tausch für ihr freiwilliges und unbezahltes Engagement müssen sich Moderator_innen von ihren Usern ironisch-ritualisiert als Nazis bezeichnen lassen, weil sie für Ordnung im Subreddit sorgen.

Im Konfliktverhalten ist r/de im Vergleich zu anderen Subreddits relativ zurückhaltend. Nach innen werden natürlich die Vorurteile gegenüber Außenstehenden (z.B. „den Amis“) gepflegt, aber durch übermäßiges Brigading bei anderen Subreddits ist r/de nicht aufgefallen. Eine seltene Ausnahme war ein kurzzeitiger „Meme-Krieg“ mit r/france als Nutzer_innen beider Subreddits massenhaft Bilder im jeweils anderen Subreddit zu posten versuchten, aber auch diese Auseinandersetzung war ein eher ironisch-verspieltes Nachahmen von Brigading als ein genuiner Konflikt – mehr virtuelle Schneeballschlacht als wirkliche Auseinandersetzung. Lieber pflegt r/de regelmäßige Kulturaustausch-Events mit anderen nationalen Subreddits, um User der verschiedenen Communities miteinander ins Gespräch zu bringen.

Ebenso verspielt war das r/place-Experiment in 2017. Über 72 Stunden hatten alle Reddit-User die Chance, kollaborativ an einem Bild mitzuarbeiten, allerdings konnte jeder User in einem bestimmten Zeitraum nur einen einzigen Pixel des gigantischen Bildes verändern. Subreddits organisierten ihre Mitglieder und begannen, sich um Raum zu streiten, um dort „ihre“ Bilder unterzubringen und gegen Vandalismus anderer Nutzer_innen zu verteidigen. Die deutsche Flagge versuchte kurzzeitig, die französische zu schlucken, woraufhin die französische Flagge auswich und dann am Kreuzungspunkt der beiden Bilder die EU-Flagge gezeichnet wurde.

Abb. 2: Das Endergebnis von r/place nach Ablauf der 72 Stunden.

Bildunterschrift: Das Endergebnis von r/place nach Ablauf der 72 Stunden.

Man findet auch Konfliktverhalten von r/de-Nutzer_innen außerhalb des Subreddits. Dies geschieht typischerweise in deutschlandbezogenen Posts anderer Subreddits, wo User ironische Kommentare („Sprich deutsch, du Sohn einer Dirne“, „Diese Kommentarspalte ist Eigentum der Bundesrepublik Deutschland“ oder das geschmacklich grenzwertige „Ein Volk, ein Reich, ein Kommentarbereich“) hinterlassen und diese durch gegenseitiges Upvoting in die oberen Bereiche des Threads befördern. Dies ist keine spezifisch deutsche Praxis und wird auch von Nutzer_innen anderer nationaler Subreddits praktiziert – die niederländische Variante ist der Kommentar „gekoloniseerd“.

Zusammenfassung

Einer der beliebtesten Sprüche (heute würde man es als Meme bezeichnen) aus der Frühzeit des Internets war ein New Yorker-Cartoon von 1993, in dem ein Hund am Computer sitzt und einem anderen Hund erklärt: „On the internet, nobody knows you’re a dog“. Diese Zeit ist lang vorbei. Man kann das Internet nicht vom Rest unserer Existenz trennen, es ist Teil unseres sozialen Lebens. Insofern sollte es nicht verwundern, dass sich soziale Praktiken, die wir in der Offline-Welt seit Jahrtausenden kennen, auch im Internet replizieren. Menschliche Gemeinschaften schaffen sich Grenzen und bauen ihre Identitäten um Inklusion und Ausschluss. Reddit ist dafür ein gutes Beispiel, aber keineswegs das einzige – vergleichbare Analysen ließen sich genauso für Facebook, Twitter und andere soziale Medien durchführen. Es zeigt, dass Konflikt, Gemeinschaft und digitaler Raum genauso untrennbar verbunden sind wie in der physischen Welt.


Abbildungen

Abb. 1: Screenshot r/de 29.01.2021

Abb. 2: https://www.reddit.com/r/place/comments/639htx/here_is_a_1000x1000_image_of_the_final_canvas_1/%20%20