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Illegalisierter Drogenhandel in „urbanen Dörfern“ – kaum umkämpfte Räume?

14. Mai 2021

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„Balıklar da ağlar, haberi olmaz denizin“ (türkisch) [„Auch Fische weinen, aber davon bekommt das Meer nichts mit“]

(Christiane Howe) Im besagten Quartier gehen von einer der zentralen Straßen fünfzehn Häuserzeilen ab, die sich jeweils aus dreistöckigen Gebäuden zusammensetzen. Es gibt reichlich Parkplätze vor den Häusern, kaum Bäume, keine Läden oder zu nutzende Gärten, keine zentralen Orte, die eine Aufenthaltsqualität bieten und über Sitzgelegenheiten verfügen. Fußläufig gibt es nur einen Discount-Supermarkt, in dessen Nähe ein Spielplatz. Nur bei den kleinen Wiesen am Ende und hinter den südlichen Wohnblöcken befinden sich noch zwei kleinere Spielplätze, feststehende, viel genutzte Bänke und Tische, auch Campingstühle und einige Grills. Es sind Räume, die offensichtlich als erweiterte Terrassen und Treffpunkte genutzt werden. Sie sind begrenzt durch seit Jahren nicht instand gehaltene Fußballplätze mit umliegenden, ungestalteten Grün- und Brachflächen. Hier stehen Stühle verloren herum, die offensichtlich auf das Gelände getragen wurden und für Treffen genutzt werden. Darauf deuten die herumliegenden Zigarettenstummel und unterschiedlich alten, leeren Kaffeebecher hin. Auf dem unebenen Schotter wird manchmal mit selbstaufgestellten Rücksäcken Fußball gespielt. Ein nahe gelegener, viel von Kindern genutzter BMX/Fahrrad-Parcours, so wurde uns von Anwohnenden erzählt, wurde verschlossen, um Aufenthaltsgelegenheiten älterer Kinder und Jugendlicher einzuschränken, die mit Drogenhandel und -konsum in Verbindung gebracht wurden. Durch die nicht sehr gut einsehbaren Grün- und Brachflächen gelangt man hinter den Häuserzeilen wieder an den Beginn der einen zentralen Zufahrtsstraße. Eine Raumstruktur, die Rundwege, Ausweichmöglichkeiten und viel Bewegungsspielraum schafft.

Das Quartier wird von Anwohnenden als bunt beschrieben, es setzt sich z.B. zusammen aus Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, Russland, Polen, der Türkei, Marokko, Tunesien und Eritrea kamen, um nur einige zu nennen. Viele von ihnen sagen im Gespräch, dass sie gerne hier wohnen, da man Platz und eine freie Sicht hat, es grün und ruhig ist und viele Wohnungen groß sind sowie alle gut geschnitten, preiswert und mit einem Balkon ausgestattet. Die Eigentümerstruktur, so erfahren wir später, ist einheitlich und liegt in Händen einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft.

Im Quartier, begriffen als direktes, alltägliches Lebensumfeld, das häufig auch als Nachbarschaft, als ein Handlungs- und Orientierungsraum seitens der Anwohnenden beschrieben wird, können die Menschen sich zuordnen, zu Häuserzeilen, zu Wohnungen. Viele sind hier gemeinsam aufgewachsen und zur Schule gegangen. Selbst wenn zwischen verschiedenen Gruppen kein fortlaufender direkter Austausch stattfindet, kennt man sich vom Sehen. So haben sich Einschätzungen, Erwartungen, aber auch Vertrauen herausgebildet. Auch bei Aufenthalten im Quartier oder bei Elterntreffen wird deutlich, dass die Menschen sich auf ein vielfaches „Wir“ beziehen, je nach Kontext, Geschlecht, Alter und Biographien. Ein wichtiger gemeinsamer Bezug ist dabei das Quartier. Sein Kollektiv zielt offensichtlich nicht auf Vereinheitlichung, sondern auf jeweils angemessene Platzierungen. Die im Quartier gelebte Vielfalt resultiert, so unsere Überlegungen, aus einem urbanen und zugleich dörflichen Verständnis von Zusammenleben, zum einen aus der Logik einer urbanen, quartiersbezogenen Stadtgesellschaft – nicht aus einem homogen verstandenen nationalstaatlichen oder bürgerlichen Ordnungsmodell, in dem versucht wird, eine Sprache, eine Religion, eine Kultur oder eben auch eine (Ordnungs-)Norm anzulegen – und zum anderen aus der Logik eines Dorfes durch die räumlich (un)sichtbaren und sozial aufgespannten Bezüge und Netze und ihre entsprechenden Umgangsformen. So fallen hier Fremde, die nicht ortsansässig sind, sofort auf – so auch wir[1], als wir dort herumgehen.

„Nachmittags fahren 8-13-jährige Jungs mit ihren sehr unterschiedlich großen Fahrrädern in den ruhigen Straßen herum, manche auch zu zweit hintereinander auf einem sitzend, cruisen immer wieder in Bögen die gleichen Strecken ab, machen Unsinn und schauen, was ‚abgeht‘. Sie kennen ihr Quartier. So werden auch wir recht bald gefragt, was wir machen würden. Unsere Antworten sprechen sich schnell unter ihnen herum. Daran ist zu merken, wie gut diese Jungs untereinander vernetzt sind, wie sie auftauchen und wieder verschwinden, die Dinge im Blick behalten. Eigentlich passiert nicht viel, es ist eher langweilig. Einer der dazu kommenden Jungs ist leichenblass und sagt: „Nein ich kann nicht antworten, mir ist gerade gar nicht gut.“ Bei ihm kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass er mit gerade mal zwölf Jahren nachmittags zu viel Cannabis konsumiert hat. Drogenhandel und -konsum scheinen die alltäglichen Situationen spannender zu machen.“ (Feldnotiz)

So machen auch einem langjährigen Anwohner diese Jungs Sorgen, er bezeichnet sie als Nachwuchs, die für ein paar Euro diverse Päckchen verteilen oder aufpassen, wenn die Polizei kommt, die jetzt so stark kontrolliert. So konnten auch wir beobachten, wie einer von ihnen länger am Eingang der einen Zufahrtstrasse saß und offensichtlich Ausschau hielt. Er wurde später von einem Gleichaltrigen abgelöst.

Autos fahren hier nur herein, weil man dort wohnt oder zu Besuch ist oder um Drogen zu kaufen. Hier finden sich auch die Wohnungen der Händler*innen, die direkt in ihrem Umfeld Drogen verkaufen. Früher haben sie offensichtlich in der Innenstadt an einschlägigen Plätzen verkauft, dies aber zur Risikominderung dann in das eigene Viertel verlegt. Sie nutzen ihr Quartier wie eine Home-Base, kennen sich nicht nur räumlich sehr gut in der Gegend aus, sondern kennen auch ihre Nachbarschaft und nutzten vorhandene soziale Netzwerke sowie unterschiedliche Keller, Wohnungen als auch Spielplätze und Grünflächen, um Drogen zu bunkern, sich zu treffen, zu konsumieren und den Verkauf zu gestalten. Durch ihre ausgezeichneten Kenntnisse der räumlich-sozialen Begebenheiten, ähnlich einem Dorf, können sie sich gut bewegen, bei Bedarf entziehen, hervorkommen, verstecken, Stoffe ablegen und sehen es zudem sofort, wenn Polizei herankommt oder werden früh genug gewarnt und erkennen jeden, der nicht zu ihnen gehört. Sie kommunizieren u.a. auch über Blackberry Phones, die eine hohe Sicherheit und Verschlüsselung garantieren, so dass sie kaum von der Polizei abgehört werden können. Der Drogenhandel und -kauf vollzieht sich augenscheinlich immer noch räumlich vor Ort, auch wenn es hier am Anfang der Pandemie ruhiger war. Digitale Bestellungen und postalische Zusendungen sind zwar inzwischen und auch zunehmend möglich, müssen jedoch streng anonym erfolgen und bedürfen bestimmter Vorsichtsmaßnahmen. Sie rücken immer mal wieder in den Fokus von Kontrollen und Razzien.

Um zu kaufen, so ließ sich beobachten und so wurde es auch von Anwohnenden und Polizei beschrieben, fährt oder geht man in die Straße und wird recht schnell angesprochen, da Nachfragende sehr schnell zu identifizieren sind. Manche der Autos haben kein örtliches Nummernschild, was einen etwas größeren Handel, zumindest einen größeren Kundenstamm vermuten lässt. Nachdem man die Bestellung und das Geld an eine Person übergegeben hat, gibt diese als Mittelsmann, es an einen nächsten weiter. Dann wird der Übergabeort genannt. Die Drogen werden wiederum von einer anderen Person übergeben. Der Handel geht somit über drei, vier Stationen, um der Polizei den Nachweis zu erschweren. Denn der Handel muss von der Polizei in situ, d.h. im Vollzug nachgewiesen, beobachtet und bezeugt werden, um bei Gerichtsverfahren stichhaltig vorgehen zu können. Erst dann sind die Täter überführt. Oder es müssen große Mengen an Drogen aufgefunden und zugeordnet werden. So wird der Ablauf seitens der Verkaufenden entsprechend zeitlich und räumlich auseinandergezogen, werden die Übergabeorte immer wieder gewechselt. Damit kann man argumentativ auch vorschützen, man hätte es dem „Freund“ nur geschenkt und es ginge um Eigengebrauch, wie wir bei einer Gerichtsverhandlung beobachten konnten. Die Einnahmen fließen laut Polizei zu großen Teilen ins Herkunftsland, werden also nicht vor Ort gewaschen, sondern gebunkert. So würde hier die Haltung vorherrschen, dass z.B. Immobilienkäufe in Deutschland nur Aufmerksamkeit erregen und womöglich die Steuerfahndung alarmieren könnten.

Kund*innen kommen tatsächlich aus der ganzen Stadt und teilweise von weit her aus dem umliegenden Ballungsgebiet. Laut Polizei ist das Quartier für seine gute Qualität von Marihuana sowie Kokain weithin bekannt. Man würde, so ihre Einschätzung, auch nicht „abgezockt“, es würden faire Preise verlangt, und „die Menge stimmt “, darauf würde geachtet. Da formale Marktregulierungsaspekte notgedrungen fehlen (vgl. Tzanetakis 2020: 41), kann nur so Vertrauen hergestellt und Unsicherheit reduziert werden. Insgesamt würden sie zwar nicht mit sich handeln lassen, wären hier aber rund um die Uhr verfügbar. „Das hat sich halt über die Jahre hinweg etabliert und herumgesprochen“ (CaP1). Es gibt ein paar Menschen, die die Federführung innehaben, dann einige, die verkaufen und sogenannte Unterstützende, um die Drogen, z.B. in Kellerräumen oder Wohnungen, zu bunkern. Im besagten Viertel sind insgesamt sechs Leute unterschiedlicher familiärer Herkunft federführend involviert. Ein Polizeibeamter beschreibt es so:

Persönlich muss ich sagen, ich bin sehr nah an diesen ganzen, an diesen sechs Familien daran. Ich kenne die alle schon seit vielen Jahren, ich kenne die kleinen Geschwister, ich kenne die Eltern. Die meisten von denen sind wirklich anständige, normale Leute. Viele der Eltern gehen auch arbeiten. In zwei, drei Fällen ist es die ganze Familie“. (CaP1)

Die älteren Händler würden es nicht gerne sehen, wenn zu Silvester mal Mülleimer brennen oder irgendetwas angegriffen wird. Das würde zu viel mediales Interesse auf sich ziehen und wäre für das Geschäft kontraproduktiv. Die Familien selbst sind in Deutschland weit verzweigt, aber auch noch in anderen europäischen Ländern ansässig. Die Verkäufer bringen teilweise ebenfalls verschiedene familiäre Migrationsbiographien mit, z.B. aus mittelosteuropäischen Ländern, sind aber keine Familienangehörigen. Aufgrund dieser Vielfalt in den Strukturen, die sich in fast allen Fällen bei näherem Hinsehen so zeigt, lehnen die damit befassten Polizeibeamten strikt den Begriff Clankriminalität ab und sprechen von Bande oder Gruppierung. Der harte Kern bestünde aus sechs Leuten, „die Ethnie ist denen ziemlich egal, die verkaufen an alle. Diese Gruppierung hat sich einfach gut aufgestellt“ (CaP1). Dies entspricht auch den Erkenntnissen aus wissenschaftlich-empirischen Forschungen (Tzanetakis 2020: 40), nach denen Drogennetzwerke meist informell und eher lose organisiert sind und vor allem aus kleineren Gruppen von unabhängigen Handelstreibenden bestehen. Diese handeln „bevorzugt mit vertrauenswürdigen Kolleg:innen  aus dem Freundeskreis, der Verwandtschaft und mit demselben ethnischen Hintergrund.“ (ebd.)

Seit Anbeginn bestehen aufgrund dieser Situation im Quartier Ängste seitens der Eltern, dass jüngere Kinder von älteren Jugendlichen in Bezug auf Drogenhandel und -konsum angelernt und diese Jugendlichen unter Umständen zu einem Vorbild werden, weil sie augenscheinlich „locker viel Geld“ (CaB1) besitzen und die Kinder auf die schiefe Bahn geraten. Eine Mutter meinte im Gespräch bei einem Elterncafé, der Drogenhandel wäre wie Klebstoff, einmal damit in Berührung gekommen, würde man ihn kaum mehr los, denn es wäre der ganz kurze, vermeintlich einfache Weg zu Geld. Eine Mitarbeiterin, die u.a. diese Elternarbeit im Quartier organisiert, meint, es gäbe beispielsweise in den weiterführenden Schulen Gleichaltrige, die wesentlich mehr Geld haben und sich z.B. Markenklamotten leisten könnten.

„Und die Kinder hier bekommen ja irgendwas aus dem Tauschregal, sagen wir mal. Dann haben die Eltern Angst…, dass der Weg zur Kriminalität einfach ganz kurz ist. Weil man einfach den Nachbarn hat. Und das Gefühl, dass hier viele über vieles Bescheid wissen, hat man immer. Aber darüber spricht man nicht. Das sind die Tabuthemen.“ (CaE1)

Damit ließe sich der häufig anstrengende(re) Weg über Bildung und Ausbildung auch kaum mehr vermitteln. Eine Mutter erzählt, dass sie deswegen und trotz der Grünflächen ihre Kinder auch nicht einfach raus und so auf die Straße lassen würde, sondern vielmehr schaue, dass sie im Sport eingebunden oder nachmittags mit anderen Dingen beschäftigt seien.

So wurde im Quartier das Thema Drogen seitens der Anwohnenden, insbesondere unter den Müttern, stärker relevant, als es konkrete Vorfälle gab: Kinder im Alter von 9-12 Jahren seien von Drogendealern im Quartier angesprochen worden, um irgendwelche Rucksäcke für 20-50 Euro irgendwo hinzubringen. Zeitweise bestimmte es das Leben im öffentlichen Raum. Was aber letztlich das Quartier dann medial zum „sozialen Brennpunkt“ erhob, waren zu Silvester oder Halloween brennende Mülleimer, explodierende Briefkästen sowie Steine, die irgendwann gegen Polizist*innen flogen, und Angriffe auf Feuerwehrleute. Damit rückte das Quartier mehr und mehr in den Fokus von Polizei und Presse, wurde als Problemviertel beschrieben, das zu einem Ghetto verkomme, als sozialer Brennpunkt, der durch Gewalt und Drogenhandel geprägt sei.

Laut Einschätzung der Polizei sind das beschriebene, wie auch andere ähnlich strukturierte Quartiere durchaus „schwierige Gebiete“, die sich nur mit genügend Personal und eigentlich auch nur in Kombination mit anderen nicht polizeilichen, d.h. sozialarbeiterischen Maßnahmen langfristig bearbeiten lassen. Erst nachdem die örtliche Polizei besser ausgestattet und eine Sondereinheit mit einem Ermittlungsteam gebildet wurde, nahmen diese Kontakt ins Quartier und zu den entsprechenden Leuten auf. Sie gestalteten dies offen, denn selbst in Zivil und mit immer wieder wechselnden Fahrzeugen wurden sie sofort erkannt. Als praktikabel erwies sich schließlich eine Kombination von Observationen aus unterschiedlichen angrenzenden Orten rund um das Quartier und offener Präsenz uniformierter Polizei, die viel Streife fuhr und viele offene Kontrollen vollzog, sowie ab und an auch Bereitschaftspolizei, die im Quartier kontrollierte. Erstes Ziel war es, diese Gruppierung von sechs Leuten zu überführen, diesen die Drogen abzunehmen und entsprechende Beweis- und Strafverfahren einzuleiten. Zweites und ebenso wichtiges Ziel war es, der Bevölkerung zu zeigen, dass die Polizei etwas „macht“. Jüngere, auch weibliche Menschen im Quartier berichten, dass zu viele von ihnen andauernd von der Polizei kontrolliert werden. Auch ein langjähriger, älterer Anwohner erzählt, dass er sehe, wenn er mit dem Hund die Straße lang geht, wie die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dauernd an der Wand mit hoch ausgestreckten Armen stünden und sich regelmäßig ausweisen müssten. Er kennt sie alle noch als Kinder und ist vom Sinn der Kontrollen nicht so recht überzeugt. Andere ältere Anwohnende waren zufriedener mit dem polizeilichen Vorgehen und der Präsenz.

Deutlich werden hier die pauschalisierenden, intersektionalen, stigmatisierenden Zuschreibungen im Hinblick auf männliche ältere Kinder/Jugendliche und junge Männer mit zugeschriebener Migrationsgeschichte, d.h. die Kombination von Alter, Geschlecht und sichtbarer Migrationsbiographie, sogenannter Ethnie (race) sowie Klasse, die – je nach Bezugsgrößen – entsprechende Gegenüberstellungen von ‚dazugehörig’ und ‚ausgeschlossen’ (Goffman 1967) konstruierten. In den alltäglichen öffentlichen Praktiken zeigen sich die Menschen im Quartier an, wem sie sich je nach Situation zugehörig fühlen und was sie jeweils als angemessenes Verhalten betrachten und bringen es zugleich hervor, so z.B. die kiffenden Jugendlichen an ihren spezifischen Orten, die jungen Mütter am Spielplatz, die direkten Nachbarn, das Fest der Tunesier*innen, das gemeinsame Fastenbrechen im Ramadan. Die normativen Prägungen der Räume im Quartier scheinen demnach an vielen Stellen nicht einheitlich und Gegenstand ständiger Aushandlungen bis hin zu Konflikten zu sein. Zu ihrer (Re-)Produktion gehört das Gegenüber, das als ‚Andere‘ bezeichnete, das gebraucht wird, um die eigenen Erwartungen zu bestätigen und zu festigen oder auch nicht. Dies betrifft nicht nur den öffentlichen Ausdruck in Bezug auf vorherrschende, geteilte und hegemoniale Normen in der Stadt, sondern, wie sich im Titel schon andeutet, auch auf vorherrschende lokale Normen und Ordnungen, die durchaus abweichend und in einem hierarchisch-asymmetrischen Spannungsverhältnis zu den vorherrschenden stehen (können), wie z.B. der Drogenhandel und -konsum.

Fazit

‚Das Drogenproblem‘ ist offensichtlich mit den bisher angewandten Ansätzen nicht aufzulösen und wird häufig nur räumlich verschoben. So sind die Drogendealer nie wirklich weg. Ihr räumliches und soziales Netzwerk justiert sich immer wieder neu. Es bedarf offensichtlich anderer Ansätze. Neben den Forderungen nach (mehr) Straßen-/Sozialarbeiter*innen im Quartier wäre eine Debatte um grundlegende Veränderungen des prohibitiven Umgangs mit Drogen offensichtlich notwendiger denn je.Weder der global längst gescheiterte Ansatz des ‚war on drugs‘ (vgl. Tzanetakis 2020), der weltweit Drogenfreiheit garantieren sollte, noch der funktionierende und florierende globale Drogenhandel oder die Nachfrage und der Drogenkonsum aller Bevölkerungsschichten werden (mit)reflektiert oder in Frage gestellt. Über Nutzen und Risiken der aktuellen Drogenpolitik müsste wohl dringender denn je diskutiert werden. Denn welche Stoffe bzw. Drogen gesellschaftlich akzeptiert und erlaubt sind, ist historisch und kulturell bedingt und ja durchaus wandelbar (vgl. Feustel 2020). In Bezug auf das Quartier wurde öfters von einer notwendigen besseren sozialen Durchmischung gesprochen, was angesichts der vielfältigen Zusammensetzung im Quartier eher hilflos wirkt. Zu fragen bliebe, ob städtische Bereiche nicht so gestaltet werden sollten/müssten, dass sie eine Vielzahl von Kontakt- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten, anstatt sich auf Prinzipien der Ausgrenzung zu gründen. Eine Gesellschaft, die auf Anerkennung von Differenz ausgerichtet ist, könnte dies auch mithilfe einer inkludierenden Planung erreichen, die sich der Belange aller Quartiersbewohner*innen gleichermaßen annimmt. Hier wäre dringend eine Auseinandersetzung sowohl mit einem umfassenden Drogen akzeptierenden und aufklärenden Ansatz, als auch mit einem Diversity-Ansatz (Meuser 2009) anzuregen.


Kurzbio

Christiane Howe, Diplom Soziologin, studierte Soziologie, Politologie und Pädagogik an der Goethe Universität in Frankfurt am Main und forschte in ihrem ersten Projekt über säkular und islamisch orientierte Frauenbewegungen in Kairo/Ägypten. Sie war langjährige Fachreferentin zum Thema (illegalisierte) Arbeitsmigration von Frauen, konzipierte und führte danach zahlreiche zwei- bis dreijährige qualitativ, insbesondere ethnografisch ausgerichtete Forschungsprojekte (EU, DFG, BMBF) an verschiedenen Universitäten und Hochschulen durch mit den Schwerpunkten: Migration/Integration, Anti-Diskriminierung und Sexarbeit/Menschenhandel sowie Gemeinwesen/Partizipation und Polizeiprävention in komplexen urbanen Räumen. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im BMBF Forschungsprojekt „Migration und Sicherheit im Quartier“ (www.migsst.de) am Institut für Polizei- und Kriminalwissenschaften an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Münster und koordiniert das BMBF Forschungsprojekt STRATUM am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin.

Email: howe@ztg.tu-berlin.de

Technische Universität Berlin
Zentrum Technik und Gesellschaft
Forschungsbereich Sicherheit – Risiko – Kriminologie
Kaiserin-Augusta Straße 104
10553 Berlin

Tel.: +49 (0)30 314-25373
Mobil: +49 (0)170 19 16 584
howe@ztg.tu-berlin.de
Website: http://akpe.org/howe/


Literatur

Bourdieu, P. (1991): Physischer, sozialer und angeeigneter Raum. In: Wentz, M. (1991): Stadt-Räume. Frankfurt am Main: Campus. 25–34

Feustel, R, 2020, Vom Menschen und Drogen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 49-50, herausgegeben von der Bundezentrale für politische Bildung, Rausch und Drogen, Bonn, pp. 4-9

Goffman, E. (1967): Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967

Löw, M. (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Meuser, M. (2009): „Inklusionen und Exklusionen. Managing Diversity in der Metropolenentwicklung“, Vortrag im Panel „Inklusionen und Exklusionen in Metropolen“ bei der Regionalkonferenz Ruhr der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Bochum, September 2009.

Tzanetakis, M. (2020): Zur internationalen politischen Ökonomie illegaler Drogen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 49-50, herausgegeben von der Bundezentrale für politische Bildung, Rausch und Drogen, Bonn, pp. 37-42


[1] Den Ausführungen liegt das dreijährige Verbund-Forschungsprojekt „Migration und Sicherheit in der Stadt – migsst“ (www.migsst.de) zugrunde, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Dabei geht es um Analysen allgemeiner Bedarfe und Bedürfnisse mit Fokus auf die sogenannte Sicherheit/sarbeit in acht anonymisierten Quartieren in verschiedenen westdeutschen Regionen, die seit den 1960/70er Jahren stark durch Migration geprägt sind. Die Untersuchung wird empirisch qualitativ, ethnografisch erhoben und ausgewertet. Ziel ist es u.a. Handlungsempfehlungen für Kommunen/Städte und Polizeien zu erarbeiten.